Fadenpendel
Worum geht es?
Ein Fadenpendel ist denkbar einfach: ein Faden, ein Körper, eine Aufhängung. Lenkst du den Körper aus und lässt ihn los, er regelmäßig hin und her. Genau diese Regelmäßigkeit macht das Pendel wertvoll: Die Dauer einer vollständigen Schwingung — die — hängt fast nur von der Pendellänge und der Fallbeschleunigung ab. Ein und derselbe Aufbau kann deshalb ganz unterschiedliche Fragen beantworten, je nachdem, welche der drei Größen du kennst und welche du suchst.
Warum macht man dieses Experiment?
Das Fadenpendel zeigt an einem überschaubaren System, wie experimentelles Arbeiten grundsätzlich funktioniert: Eine physikalische Beziehung verbindet mehrere Größen — und je nachdem, welche Größe unbekannt ist, wird aus derselben Beziehung ein anderes Messverfahren. Historisch war das Pendel lange das genaueste Zeitmessgerät überhaupt, und Pendelmessungen waren über zwei Jahrhunderte die Standardmethode, um die Fallbeschleunigung an verschiedenen Orten der Erde zu vermessen. Im Unterricht ist es der klassische Versuch, an dem man Messstrategie, Auswertung und Fehlerbetrachtung lernt.
Die physikalische Idee
Die , die Pendellänge und die Fallbeschleunigung sind über eine Beziehung verknüpft: . Zwei der drei Größen bestimmst du durch Messen oder sie sind bekannt — die dritte liefert die Gleichung. Die Kunst liegt im Messen: wird nicht direkt gemessen, sondern aus der Zeit vieler berechnet, damit die Reaktionszeit beim Stoppen kaum noch ins Gewicht fällt.
Benötigtes Vorwissen
Für dieses Experiment hilft dir dieses Vorwissen. Du kannst es jederzeit nachschlagen — das Experiment bleibt auch so verständlich.
- Schwingungen und Periodendauer
- Gewichtskraft
- Harmonische Schwingung (für die Herleitung)
- Gleichungen umstellen und Wurzeln
Wissenschaftliche Einordnung
Die Gesetzmäßigkeit des Pendels wurde ab dem 17. Jahrhundert systematisch untersucht; Christiaan Huygens nutzte sie 1656 für die erste Pendeluhr und behandelte die Pendelbewegung 1673 in seinem Werk Horologium Oscillatorium mathematisch. Bis ins 20. Jahrhundert waren Pendelmessungen die Standardmethode, um die Fallbeschleunigung an verschiedenen Orten der Erde zu bestimmen — das Prinzip deiner Messung in Zielsetzung B ist also dasselbe, mit dem die Erde tatsächlich vermessen wurde.
Versuchsziel
Was möchtest du untersuchen?
Aktuelles Versuchsziel
Zusammenhang zwischen T und l untersuchen
Untersuche experimentell, wie die von der Pendellänge abhängt. Hier steht keine einzelne Zahl am Ende, sondern ein Zusammenhang: Verdoppelt sich , wenn sich verdoppelt? Diese Zielsetzung zeigt die Arbeitsweise mit Messreihe, Diagramm und Linearisierung — das Handwerkszeug jeder Zusammenhangsuntersuchung.
Gemessen
- — Pendellänge (in )
Die unabhängige Größe: Sie wird gezielt in Stufen verändert ( bis ), um zu sehen, wie darauf reagiert.
- — Gesamtzeit für N Schwingungen (in )
Zeitmessgröße je Messpunkt — Strategie aus Zielsetzung A.
Bekannt
- — Anzahl der Schwingungen
Je Messpunkt gleich gewählt (20), damit alle Messpunkte gleich genau sind.
Berechnet
- — Periodendauer (in )
Die abhängige Größe: Für jede eingestellte Länge wird sie aus der Zeit von 20 Schwingungen bestimmt ().
Konstante
- — Masse und Auslenkung
Kontrollgrößen: Sie werden bewusst konstant gehalten. Würden Masse oder Auslenkung mitverändert, wüsste man am Ende nicht, welche Änderung die Wirkung verursacht hat.
Der Weg von der Messung zum Ergebnis:
Für diese Zielsetzung brauchst du:
- Je Messpunkt: aus der Gesamtzeit die Periodendauer.Zur Formelsammlung
- Die linearisierte Form der Pendelgleichung: Trägt man gegen auf, entsteht eine Ursprungsgerade — und ihre Steigung enthält .Zur Formelsammlung
Versuchsprotokoll
So ist ein physikalisches Versuchsprotokoll aufgebaut. Die Reihenfolge ist immer dieselbe — die Inhalte gehören zu deinem gewählten Versuchsziel.
1Aufgabenstellung
Untersuche experimentell den Zusammenhang zwischen der Pendellänge und der eines Fadenpendels. Nimm dazu eine Messreihe mit mindestens fünf verschiedenen Pendellängen auf, stelle die Messwerte in geeigneten Diagrammen dar und vergleiche den gefundenen Zusammenhang mit der theoretischen Erwartung.
2Vorbetrachtung
Erwartung vor der Messung. Bevor du misst, lohnt eine begründete Vermutung: Ein längeres Pendel hat einen weiteren Weg pro — die sollte also mit wachsen. Aber wie? Verdoppelt sich mit ? Die Theorie sagt: nein. Aus folgt — für doppeltes braucht es die vierfache Länge. Genau das lässt sich messen.
Wie prüft man einen Wurzel-Zusammenhang? Aus einer leicht gebogenen Punktwolke im --Diagramm lässt sich mit dem Auge kaum entscheiden, ob es eine Wurzelfunktion ist. Der Trick heißt Linearisierung: Wenn gilt, dann gilt — und einen linearen Zusammenhang erkennt das Auge sicher: Die Punkte liegen auf einer Ursprungsgeraden. Deshalb wird zusätzlich gegen aufgetragen.
Die linearisierte Form — und was ihre Steigung bedeutet
Ausgangspunkt ist die Pendelgleichung (Entstehung siehe unten):
Quadrieren macht aus der Wurzel eine lineare Beziehung:
Das hat die Form mit , und der Steigung . Zwei Vorhersagen stecken darin, und beide sind prüfbar: Die Punkte im --Diagramm liegen auf einer Geraden durch den Ursprung (ein Pendel der Länge null hätte keine Schwingungsdauer), und aus der gemessenen Steigung lässt sich sogar zurückrechnen.
Woher kommt die Pendelgleichung?
Lenkt man das Pendel aus, wirkt die senkrecht nach unten. Der Faden lässt aber nur eine Bewegung auf einem Kreisbogen zu. Deshalb wirkt nur der Anteil der Gewichtskraft längs der Bahn rücktreibend — beim Auslenkwinkel ist das:
Das Minuszeichen sagt: Die zeigt immer zur Ruhelage zurück. Für kleine Winkel ist fast gleich dem Winkel selbst (im Bogenmaß). Mit dieser Näherung wird die rücktreibende Kraft proportional zur Auslenkung — genau die Bedingung, unter der eine entsteht (das kennst du vom Federschwinger: ).
Aus dieser Kraftbedingung folgt mit den Mitteln der Oberstufe (Vergleich mit dem Federschwinger, , wobei hier die Rolle von der Ausdruck übernimmt) die Periodendauer des Fadenpendels:
Beachte, was nicht in der Formel steht: die Masse . Sie steckt sowohl in der rücktreibenden Kraft als auch in der Trägheit des Körpers — und kürzt sich deshalb heraus. Ein schwerer und ein leichter Körper schwingen an gleich langen Fäden gleich schnell. Auch die Auslenkung fehlt: Solange sie klein bleibt, hängt nicht von ihr ab.
3Geräte / Stoffe
Zusätzlich zum Grundaufbau wird Millimeterpapier (oder eine Tabellenkalkulation) für die Diagramme gebraucht. Der Faden sollte lang genug für alle fünf Längen sein — die Länge wird zwischen den Messpunkten am Stativ verstellt, nicht durch Fadenwechsel.
Stativ mit Muffe und Klemme
Hält den Aufhängepunkt fest — nur mit festem Aufhängepunkt ist die Pendellänge während der Messung konstant.
Dünner, wenig dehnbarer Faden
Trägt den Pendelkörper. Er soll leicht gegenüber dem Körper sein (Modellannahme) und sich nicht dehnen, damit konstant bleibt.
Pendelkörper (z. B. Metallkugel mit Öse)
Die schwingende . Kompakt und dicht, damit der Schwerpunkt gut bestimmbar ist und der Luftwiderstand klein bleibt.
Maßstab oder Maßband
Zur Bestimmung der Pendellänge von der Aufhängung bis zum Schwerpunkt des Körpers.
Stoppuhr
Zur Messung der Gesamtzeit mehrerer vollständiger — daraus wird die berechnet.
Millimeterpapier oder Tabellenkalkulation
Für das --Diagramm — das zentrale Auswertungswerkzeug dieser Zielsetzung.
4Skizze des Versuchsaufbaus
Aufbau wie im Grundversuch. Wichtig für die Messreihe: Nach jedem Verstellen wird neu gemessen (bis zum Schwerpunkt!) — nicht aus der vorherigen Einstellung „weitergerechnet“, denn beim Verstellen verrutscht der Faden leicht.
Der Versuchsaufbau als Skizze: Am Stativ hängt ein Faden der Länge , unten der Pendelkörper. Die Pendellänge reicht von der Aufhängung bis zum Schwerpunkt des Körpers — genau diese Strecke steht später in der Formel. Die Grafik zeigt außerdem, warum die in der Formel nicht vorkommt: Sie kürzt sich heraus.
Der Aufbau besteht aus drei Teilen: einer festen Aufhängung (Stativ mit Muffe), einem möglichst dünnen Faden und einem kompakten Pendelkörper. Wichtig sind drei Eigenschaften, weil sie das reale Pendel dem Modell annähern:
- Die Aufhängung ist fest. Wackelt der Aufhängepunkt mit, verändert sich die wirksame Pendellänge während der — und wäre keine feste Größe mehr.
- Der Faden ist dünn und leicht. Das Modell rechnet die gesamte Masse dem Pendelkörper zu. Je leichter der Faden im Vergleich zum Körper, desto besser stimmt das.
- Der Körper ist klein und kompakt. Die Pendellänge wird bis zum Schwerpunkt gemessen. Bei einem kleinen, Körper (z. B. Metallkugel) ist der Schwerpunkt gut lokalisierbar — bei einem großen oder unregelmäßigen Körper nicht.
5Durchführung
Schritt 1: Messpunkte festlegen. Wähle fünf Pendellängen, die den verfügbaren Bereich gut ausnutzen — z. B. / / / / . Ein weiter Bereich ist wichtig: Ob eine Kurve gerade oder gekrümmt ist, sieht man erst über einen ordentlichen Hebel hinweg.
Schritt 2: Je Messpunkt die Zeit messen. Für jede eingestellte Länge: messen und notieren, dann wie in Zielsetzung A die Zeit für stoppen. Auslenkung und Pendelkörper bleiben bei allen Messpunkten gleich (Kontrollgrößen!).
Schritt 3: Direkt mitrechnen. Berechne und am besten sofort nach jedem Messpunkt — ein Ausreißer fällt dann auf, solange der Aufbau noch steht, und der Messpunkt lässt sich sofort wiederholen.
6Beobachtung
| in | in | in | in |
|---|---|---|---|
| 0,20 | 18,0 | 0,90 | 0,81 |
| 0,40 | 25,4 | 1,27 | 1,61 |
| 0,60 | 31,0 | 1,55 | 2,40 |
| 0,80 | 35,8 | 1,79 | 3,20 |
| 1,00 | 40,2 | 2,01 | 4,04 |
Beispieldaten zur Veranschaulichung — keine echten Messwerte.
Schon in der Tabelle fällt auf: wächst mit , aber nicht proportional — von auf (vierfache Länge) verdoppelt sich nur (). Die Deutung gehört in die Auswertung.
7Auswertung
Schritt 1: --Diagramm. Trägt man gegen auf, entsteht eine steigende, nach rechts abflachende Kurve: Gleiche Längenzuwächse bringen immer weniger zusätzliche . Das passt qualitativ zu — beweist es aber noch nicht, denn viele Kurven flachen ab.
Schritt 2: --Diagramm (Linearisierung). Deshalb der entscheidende Schritt: gegen auftragen. Die fünf Punkte , , , , liegen — im Rahmen der Messgenauigkeit — auf einer Ursprungsgeraden. Genau das sagt die linearisierte Form voraus.
Schritt 3: Steigung bestimmen und deuten. Die Steigung der Ausgleichsgeraden (großes Steigungsdreieck über die ganze Messreihe):
Die Steigung ist hier keine bloße Zahl — sie hat eine physikalische Bedeutung: . Daraus folgt
— aus einer Zusammenhangsuntersuchung fällt also nebenbei eine -Bestimmung ab, und zwar eine robustere als aus einem einzelnen Messpunkt: Die Ausgleichsgerade mittelt über alle fünf Messungen.
Schritt 4: Vergleich mit der Erwartung. Erwartet war eine Ursprungsgerade mit Steigung ; gemessen wurde . Die Messwerte stimmen im Rahmen der Messunsicherheit mit der theoretischen Vorhersage überein.
8Fazit
Die Messreihe zeigt: Die wächst mit der Wurzel der Pendellänge — im --Diagramm liegen die Messpunkte auf einer Ursprungsgeraden, wie es die Beziehung vorhersagt. Die Steigung der Geraden liefert , in guter Übereinstimmung mit dem Literaturwert. Damit ist die Fragestellung beantwortet — und mit Messreihe, Kontrollgrößen, Linearisierung und Steigungsdeutung sind die vier Werkzeuge versammelt, mit denen man jeden vermuteten Zusammenhang experimentell untersucht.
9Fehlerbetrachtung
Bei einer Messreihe wirken Fehler anders als bei der Einzelmessung: Zufällige Fehler streuen die Punkte um die Gerade und fallen im Diagramm sofort auf; systematische Fehler verschieben oder kippen die ganze Gerade und sind gerade deshalb tückisch — die Punkte liegen dann sauber auf einer Linie, nur auf der falschen.
Systematischer Längenfehler (Schwerpunkt) bei allen Messpunkteneher systematisch
- Ursache
Wird bei jeder Länge bis zum oberen Kugelrand statt zum Schwerpunkt gemessen, ist jedes um denselben Betrag zu klein.
- Auswirkung
Die Gerade im --Diagramm verschiebt sich parallel: Sie geht nicht mehr durch den Ursprung, sondern schneidet die -Achse neben null. Die Steigung — und damit das daraus bestimmte — bleibt dagegen fast unverändert. Der Achsenabschnitt ist also ein eingebauter Fehlerdetektor dieser Auswertung.
- Verbesserung
Achsenabschnitt der Ausgleichsgeraden bewusst prüfen: Liegt er deutlich neben null, ist ein konstanter Längenfehler die naheliegendste Ursache.
Reaktionszeit bei der Zeitmessungeher zufällig
- Ursache
Wie in allen Varianten — je Messpunkt eine eigene, zufällige Abweichung.
- Auswirkung
Die Punkte streuen um die Ausgleichsgerade. Weil die Gerade über fünf Punkte mittelt, wirkt sich die Streuung auf die Steigung deutlich schwächer aus als auf einen Einzelwert.
- Verbesserung
Je Messpunkt 20 und ggf. Wiederholung; Ausgleichsgerade mit Augenmaß mittig durch die Punktwolke legen statt durch einzelne Punkte.
Auslenkung nicht konstant gehalteneher systematisch
- Ursache
Bei kurzen Pendeln fällt eine gleich große seitliche Auslenkung als Winkel viel größer aus als bei langen — wer immer „eine Handbreit“ auslenkt, verletzt die Kleinwinkelbedingung bei den kurzen Längen.
- Auswirkung
Die kurzen Pendel schwingen dann messbar langsamer als die Näherung vorhersagt — die Punkte bei kleinem liegen systematisch zu hoch, die Gerade wirkt am unteren Ende „verbogen“.
- Verbesserung
Den Winkel konstant und klein halten (unter ), nicht die seitliche Strecke — bei sind nur etwa .
Das Wichtigste
- Fragestellung
Wie hängen , Pendellänge und Fallbeschleunigung zusammen — und wie nutzt man den Zusammenhang, um eine der drei Größen zu bestimmen?
- Zentrale Formel
— gültig für kleine Auslenkungen. Die kommt nicht vor: Sie kürzt sich heraus.
- Messstrategie
Nie eine einzelne stoppen: Die Zeit für Schwingungen messen und berechnen — so schrumpft der Einfluss der Reaktionszeit auf ein Zwanzigstel.
- Wichtigste Fehlerquellen
Pendellänge nicht bis zum Schwerpunkt gemessen (systematisch), Reaktionszeit beim Stoppen (zufällig), zu große Auslenkung (systematisch — die Näherung gilt dann nicht mehr), Zählfehler beim Start.
- Zentrale Erkenntnis
Dieselbe physikalische Beziehung wird je nach gesuchter Größe zu einem anderen Messverfahren — das ist allgemein, die Zielsetzung macht es konkret.