Analysis
Die Ableitung: Grundlagen und Ableitungsregeln
Momentane Änderungsrate, Tangentensteigung und die wichtigsten Ableitungsregeln.
Benötigte Grundlagen
Diese Themen kommen in diesem Kapitel vor und wurden vorher schon erklärt. Wenn dir eines davon unsicher vorkommt, frisch es kurz auf, sonst leg direkt los.
Einführung
Ein Tacho zeigt nicht deine Durchschnittsgeschwindigkeit, sondern die Geschwindigkeit genau jetzt, eine momentane Änderungsrate. Genau das leistet die Ableitung in der Mathematik: Sie beschreibt, wie schnell sich eine Funktion an einer bestimmten Stelle ändert. Sie ist das zentrale Werkzeug der Analysis.
Das kannst du nach diesem Kapitel
die Ableitung als Grenzwert des (Differentialquotient) beschreiben.
als Tangentenanstieg und momentane Änderungsrate deuten.
Polynome mit -, Faktor- und Summenregel ableiten.
Tangentensteigungen an gegebenen Stellen berechnen.
Das Problem: eine Steigung an einem einzigen Punkt
Im letzten Kapitel hast du die mittlere Änderungsrate berechnet, die der Sekante zwischen zwei Punkten. Der Tacho zeigt aber nicht den der letzten Stunde, sondern das Tempo genau jetzt. Wie berechnet man eine Steigung an einer einzigen Stelle?
Warum das zunächst unmöglich aussieht
Für eine Steigung brauchst du zwei Punkte. Das war schon in Klasse 8 so:
Nimmst du aber denselben Punkt zweimal, dann sind und , und du erhältst
Das ist keine Zahl. Durch null darf man nicht teilen: der direkte Weg ist also versperrt. Genau an dieser Stelle hing die Mathematik jahrhundertelang fest.
Der Ausweg: sich annähern, statt anzukommen
Statt die beiden Punkte gleichzusetzen, lässt man sie immer näher zusammenrücken und beobachtet, was mit der Sekantensteigung passiert.
Rechne das an an der Stelle selbst nach. Der zweite Punkt rückt Schritt für Schritt näher:
| zweiter Punkt | Wert | |
|---|---|---|
Die Werte streben unverkennbar auf zu. Sie erreichen die nie exakt, aber sie kommen ihr beliebig nahe.
Der Grenzwert
Diese Zahl, der sich die Sekantensteigungen annähern, heißt Grenzwert (lateinisch limes). Man schreibt:
Gelesen: „ von ist der Limes des für gegen ."
Und das ist die Antwort auf unser Problem: Wir setzen nie , wir schauen nur, wohin die Werte laufen. Damit ist die Division durch null umgangen.
Was dabei geometrisch passiert
Rücken die beiden Punkte zusammen, kippt die Sekante immer weiter, bis sie den Graphen nur noch in einem Punkt berührt. Diese Grenzlage ist die (siehe Bild).
Drei Namen für dieselbe Zahl, das solltest du dir merken, weil Aufgaben zwischen ihnen wechseln:
- die Ableitung von an der Stelle ,
- die momentane Änderungsrate dort,
- die Steigung der Tangente dort.
Von der Zahl zur Funktion
Bisher haben wir an einer Stelle bestimmt. Macht man das für jede Stelle, entsteht eine neue Funktion: die Ableitungsfunktion . Sie ordnet jeder Stelle die dortige Tangentensteigung zu.
Für haben wir bei den Wert gefunden. Rechnet man dasselbe bei , kommt heraus, bei ergibt sich , jedes Mal das Doppelte der Stelle. Das ist kein Zufall, sondern führt direkt auf . Warum das allgemein gilt, siehst du im nächsten Abschnitt.
Tangente = momentane Änderungsrate
Die berührt den Graphen im Punkt . Ihre ist die Ableitung an dieser Stelle: . Sie gibt die momentane Änderungsrate an, anders als die Sekante, die nur einen misst.
Die Ableitungsregeln, und woher die Potenzregel kommt
Den Grenzwert jedes Mal auszurechnen wäre mühsam. Zum Glück muss man das nur einmal allgemein tun. Dann hat man eine Regel, in die man nur noch einsetzt.
Die Potenzregel entsteht
Leiten wir an einer beliebigen Stelle ab. Wir setzen in den ein:
Jetzt kommt der entscheidende Kniff: Im steht eine Differenz zweier , dafür gibt es die dritte aus Klasse 8:
Damit lässt sich (erlaubt, denn , solange wir uns nur annähern):
Der ist verschwunden, und damit auch das Problem mit der Null im . Jetzt darf gefahrlos gegen laufen:
Also , genau der Wert an der Stelle , den wir oben in der Tabelle gesehen haben ✓
Führt man dieselbe Rechnung für , und allgemein durch, ergibt sich immer dasselbe Muster. (Für kannst du das in der Frage unten selbst nachvollziehen. Man braucht nur den passenden Ersatz für die binomische Formel. Den Beweis für jedes beliebige führen wir hier nicht; er läuft mit einer verallgemeinerten Faktorisierung nach genau demselben Plan.) Das Ergebnis ist die Potenzregel:
In Worten: Der Exponent wandert als Faktor nach vorn, und der Exponent wird um kleiner.
Die drei weiteren Regeln: und warum sie einleuchten
Faktorregel:
Streckst du eine Funktion um den Faktor in die Höhe, wird jede ebenfalls -mal so groß. Eine dreimal so steile Rampe hat dreifache Steigung. Das ist unmittelbar plausibel.
Summenregel:
Addieren sich zwei Vorgänge, addieren sich auch ihre Änderungsraten. Steigt dein Guthaben um € und dein Sparbuch um € pro Monat, wächst dein Vermögen um €.
Konstante:
Eine konstante Funktion ist eine waagerechte Gerade. Sie ändert sich nicht, ihre Steigung ist überall null.
Damit kannst du jedes Polynom ableiten
Dank Summen- und Faktorregel gehst du einfach für Term vor:
Prüfe die vier Teile einzeln nach: · · (denn ) · .
Die zwei häufigsten Fehler:
- Bei verschwindet das vollständig. Es bleibt nur die . Viele schreiben fälschlich stehen.
- Die Konstante fällt ganz weg. Sie verschiebt den Graphen nur nach oben oder unten, ohne die Steigung zu ändern.
Denk weiter: Prüfe das Muster selbst, leite x hoch 3 genauso her wie x hoch 2. Welcher Ersatz für die dritte binomische Formel wird gebraucht, und was kommt heraus?
Versuch es erst selbst, der Fahrplan ist derselbe wie bei : aufschreiben, faktorisieren, , Grenzwert bilden.
Schritt 1: der Differenzenquotient.
Schritt 2: der Ersatz für die . Bei half . Für dritte gibt es das Gegenstück
Das musst du nicht raten, du kannst es prüfen, indem du die rechte Seite ausmultiplizierst:
Die vier mittleren Glieder heben sich paarweise auf, genau dafür ist der Faktor gebaut.
Schritt 3: kürzen und Grenzwert. Der Faktor kürzt sich (erlaubt, solange , und beim Annähern ist das ja der Fall):
Also , das Muster stimmt: Der Exponent ist nach vorn gewandert, der neue Exponent ist um kleiner. Und du siehst sogar, woher der Faktor kommt: Beim Einsetzen von entstehen drei gleiche Summanden , bei wären es auf demselben Weg Summanden . Genau deshalb steht in der Potenzregel der Exponent als Faktor vorn.
Ehrlich eingeordnet: Damit ist das Muster für und bewiesen und der Mechanismus für beliebiges sichtbar, der vollständige allgemeine Beweis bleibt der Vertiefung vorbehalten. Für alles, was in diesem Kapitel kommt, trägt das Geprüfte.
Polynom ableiten und Tangentensteigung bestimmen
Gegeben ist . Bestimme und die des Graphen an der Stelle .
- 1
Was ist gegeben, was gesucht? Gegeben ist ein Polynom, gesucht sind zwei Dinge: die Ableitungsfunktion und ein einzelner Steigungswert an der Stelle .
Der Unterschied ist wichtig: ist eine Funktion (sie gilt für alle Stellen), ist eine Zahl (die Steigung an genau einer Stelle).
- 2
Welche Regeln brauchen wir? Das Polynom besteht aus drei Summanden. Dank der Summenregel darfst du jeden einzeln ableiten und die Ergebnisse addieren, du musst also nie den ganzen auf einmal betrachten.
- 3
Erster Summand: . Hier greifen zwei Regeln zusammen. Die Faktorregel sagt, dass die stehen bleibt; die Potenzregel wandelt in um:
Warum und nicht ? Weil einfach ist, die Hochzahl schreibt man nicht mit.
- 4
Zweiter Summand: . Schreibe dir als , dann ist die Potenzregel anwendbar:
Hier passiert der häufigste Fehler: Das verschwindet vollständig, es bleibt nur die Zahl . Wer stehen lässt, hat nicht abgeleitet.
- 5
Dritter Summand: die Konstante .
Eine konstante Funktion ist eine waagerechte Gerade. Sie hat überall die Steigung null. Die verschiebt den Graphen nur nach oben, ohne seine Steilheit zu ändern.
- 6
Zusammensetzen. Jetzt die drei Ergebnisse addieren:
Eine Kontrolle über den Grad: war vom Grad , also muss vom Grad sein, und tatsächlich ist eine ✓
- 7
Die zweite Frage: die Steigung an der Stelle . Dafür setzt du die Zahl in die Ableitung ein (nicht in !):
Was das bedeutet: An der Stelle hat die an den Graphen die Steigung , die Kurve steigt dort also recht steil an. Der zugehörige Funktionswert wäre ; das ist die Höhe, nicht die Steigung. Beides zu verwechseln, ist der zweithäufigste Fehler.
; an der Stelle beträgt die Steigung .
Das Vorgehen bei jedem Polynom: Summand für Summand ableiten, dabei Faktoren stehen lassen, Exponenten nach vorn holen und um verringern, Konstanten streichen. Für einen konkreten Steigungswert die Stelle anschließend in einsetzen.
Typischer Fehler
, die Konstante wurde „mitgenommen".
Konstanten fallen beim Ableiten weg: , denn eine konstante Funktion ändert sich nicht, ihre Änderungsrate ist überall null. Richtig: . Nicht verwechseln: Ein konstanter Faktor () bleibt erhalten (), ein konstanter Summand () verschwindet.
Übung 1
leichtLeite ab:
Tipp anzeigen
Potenzregel: Exponent nach vorn, dann Exponent um 1 verringern.
Lösung anzeigen
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Hier wird jeder Schritt einzeln erklärt, vor allem, warum er gemacht wird.
✦ Empfohlen: Standard – Die normale Erklärungstiefe passt zum Einstieg.
- 1
Die Potenzregel bereitlegen
Für gilt : Der Exponent kommt als Faktor nach vorn, der neue Exponent ist um 1 kleiner.
- 2
Auf x⁴ anwenden
Die Potenzregel mit ausführen, herunterholen und vermindern in einem Zug: .
- 3
Am Graphen plausibilisieren
ist negativ für und positiv für , passend: Die -„Wanne" fällt links und steigt rechts; bei ist die waagerecht ().
Übung 2
mittelLeite ab:
Tipp anzeigen
Gliedweise ableiten; die Konstante fällt weg.
Lösung anzeigen
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Hier wird jeder Schritt einzeln erklärt, vor allem, warum er gemacht wird.
✦ Empfohlen: Standard – Die normale Erklärungstiefe passt zum Einstieg.
- 1
In Summanden zerlegen
Summenregel: wird gliedweise abgeleitet, jeder der drei Summanden einzeln.
- 2
Jedes Glied ableiten
, , .
- 3
Zusammensetzen und prüfen
Die drei Teilergebnisse wieder zur Summe verbinden: .
Zwischenergebnis
Übung 3
schwerGegeben ist . An welchen Stellen hat der Graph die ?
Tipp anzeigen
Setze und löse die .
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Ansatz:
An den Stellen und hat der Graph die Steigung .
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Hier wird jeder Schritt einzeln erklärt, vor allem, warum er gemacht wird.
✦ Empfohlen: Standard – Die normale Erklärungstiefe passt zum Einstieg.
- 1
Ableitung bilden
: .
- 2
Die Steigungsbedingung als Gleichung
„Steigung 2" heißt : .
- 3
Lösen und antworten
, : An den Stellen und hat der Graph die Steigung .
Zusammenfassung
Die Ableitung ist die Tangentensteigung, die momentane Änderungsrate an der Stelle . Mit -, Faktor- und Summenregel leitest du jedes Polynom ab. Konstante Summanden verschwinden, konstante Faktoren bleiben. Damit steht das Fundament für und Extremwertaufgaben.


