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Millikan-Versuch

Historisches ExperimentElektrizitätslehreKlasse 11–12Fortgeschritten

Worum geht es?

wirkt im Alltag wie eine beliebig teilbare Menge — man kann einen Körper „ein bisschen mehr“ oder „ein bisschen weniger“ aufladen. Der Millikan-Versuch stellt die Frage, ob das im Kleinen wirklich stimmt: Gibt es eine kleinste Ladungsportion, aus deren Vielfachen jede Ladung besteht? Dazu wird die Ladung einzelner, winziger Öltröpfchen gemessen, die zwischen den Platten eines Kondensators schweben. Das Ergebnis: Alle gemessenen Ladungen sind ganzzahlige Vielfache einer kleinsten Ladung — der Elementarladung ee.

Warum macht man dieses Experiment?

Um 1910 stand die Physik an einer entscheidenden Stelle: Vieles sprach dafür, dass „körnig“ ist — aber gemessen worden waren bis dahin nur Mittelwerte über riesige Mengen von Teilchen. Ein Mittelwert kann aber nicht zwischen zwei Welten unterscheiden: einer, in der jede Ladung ein Vielfaches von ee ist, und einer, in der Ladungen beliebige Werte haben und ee nur ihr Durchschnitt ist. Die Entscheidung konnte nur eine Messung an einzelnen Ladungsträgern bringen. Genau das leistete der Millikan-Versuch — und lieferte nebenbei den bis dahin genauesten Wert von ee.

Die physikalische Idee

Ein geladenes Öltröpfchen zwischen waagerechten Kondensatorplatten spürt zwei einstellbare Gegenspieler: die nach unten und die elektrische , deren Stärke über die regelbar ist. Bringt man das Tröpfchen zum Schweben, sind beide Kräfte im Gleichgewicht — und aus diesem Gleichgewicht lässt sich die des Tröpfchens berechnen. Misst man so die Ladungen vieler Tröpfchen, zeigt sich das Muster: keine beliebigen Werte, sondern Stufen im Abstand ee.

Benötigtes Vorwissen

Für dieses Experiment hilft dir dieses Vorwissen. Du kannst es jederzeit nachschlagen — das Experiment bleibt auch so verständlich.

Historische Einordnung

Der Öltröpfchenversuch entstand zwischen 1909 und 1913 an der University of Chicago. Robert A. Millikan, damals Physikprofessor ohne großen Forschungsruf, suchte gezielt nach einem , mit dem sich die elektrische Elementarladung präzise bestimmen ließe — eine Frage, an der sich zu dieser Zeit mehrere Arbeitsgruppen in Europa versuchten. An den entscheidenden Öltröpfchen-Messungen war sein Doktorand Harvey Fletcher maßgeblich beteiligt; Fletcher hat seine Rolle später selbst beschrieben (Physics Today, 1982). Veröffentlicht wurden die Ergebnisse unter Millikans Namen — auch das gehört zur Geschichte dieses Experiments.

Robert A. Millikan (1868–1953)

Leitete die Öltröpfchenversuche an der University of Chicago (1909–1913) und veröffentlichte 1913 den Präzisionswert der Elementarladung; Nobelpreis für Physik 1923.

Harvey Fletcher (1884–1981)

Millikans Doktorand; maßgeblich an Aufbau und Messungen der Öltröpfchenversuche beteiligt. Seine Rolle beschrieb er selbst in einem posthum veröffentlichten Bericht (Physics Today, 1982).

Felix Ehrenhaft (1879–1952)

Wiener Physiker; führte ähnliche Messungen an Metallpartikeln durch, berichtete vermeintliche „Subelektronen“ und bestritt die Ladungsquantisierung — die Kontroverse begleitete das Experiment über Jahre.

Was wusste man damals?

Was war um 1909 bereits bekannt — und was nicht?

  • tritt in festen Portionen auf — als Vermutung. Schon Michael Faradays Elektrolysegesetze (1833) hatten gezeigt: Bei der elektrolytischen Abscheidung gehört zu einer bestimmten Stoffmenge stets dieselbe Ladungsmenge. Das legt eine kleinste Ladungsportion nahe, beweist sie aber nicht — es ist mit beiden Bildern verträglich.
  • Das Elektron als Teilchen. J. J. Thomson hatte 1897 an Kathodenstrahlen das Verhältnis e/me/m gemessen und gezeigt, dass sie aus leichten, negativ geladenen Teilchen bestehen. Bekannt war damit aber nur das Verhältnis von Ladung zu — nicht die Ladung selbst.
  • Erste Ladungs-Schätzwerte — als Mittelwerte. Townsend, Thomson und H. A. Wilson hatten um 1900 die Ladung von Nebeltröpfchen-Wolken untersucht: Man ließ ionisierten Wasserdampf kondensieren und schloss aus dem Verhalten der ganzen Wolke auf eine mittlere Ladung pro Tröpfchen. Die Ergebnisse schwankten stark — Wassertröpfchen verdunsten während der Messung, und eine Wolke liefert eben nur einen Durchschnitt.

Die wissenschaftliche Fragestellung

Die offene Frage lautete also zweifach:

  1. Ist gequantelt? Tritt sie ausschließlich in ganzzahligen Vielfachen einer kleinsten Portion auf — oder ist die „Körnigkeit“ nur ein statistischer Eindruck?
  2. Wie groß ist diese kleinste Ladung? Ein präziser Wert von ee war auch deshalb begehrt, weil an ihm weitere Naturkonstanten hingen: Zusammen mit der aus der Elektrolyse bekannten Faraday-Konstante liefert ee die Avogadro-Konstante — also die Antwort auf die Frage, wie viele Teilchen in einem Mol stecken.

Die Idee hinter dem Experiment

Die experimentelle Idee: ein einzelnes geladenes Teilchen festhalten und wiegen. Ein winziges Tröpfchen zwischen waagerechten Kondensatorplatten spürt die nach unten und — wenn es geladen ist — die elektrische , deren Stärke sich über die regeln lässt. Damit wird das Tröpfchen zu einer Waage für seine eigene : Aus seiner Bewegung (oder seinem Stillstand) lässt sich qq berechnen.

Zwei Verbesserungen machten daraus ein Präzisionsexperiment:

  • Öl statt Wasser. Die Wassertröpfchen der älteren Wolkenmethoden verdunsteten während der Messung — ihre änderte sich also, während man sie brauchte. Öltröpfchen sind stabil und lassen sich minutenlang einzeln verfolgen.
  • Dasselbe Tröpfchen mehrfach umladen. Mit ionisierender Strahlung (z. B. Röntgenstrahlung) lässt sich die Ladung eines beobachteten Tröpfchens während der Messung ändern. Springt die gemessene Ladung dabei immer um dieselben Stufen, ist das der direkte Blick auf die Ladungsportionen — an ein und demselben Teilchen.

Die historische Durchführung

Wie Millikan tatsächlich gemessen hat — und das ist aufwendiger als die heutige Schulversion: Millikan hat seine Werte nicht primär mit schwebenden Tröpfchen bestimmt, sondern aus Steig- und Sinkgeschwindigkeiten.

Ein Tröpfchen, das in Luft fällt, wird durch die Luftreibung schnell auf eine konstante Sinkgeschwindigkeit abgebremst. Für so kleine Kugeln beschreibt das Stokessche Reibungsgesetz diese Bewegung: Die Sinkgeschwindigkeit hängt von Radius und des Tröpfchens sowie der Zähigkeit der Luft ab. Daraus ergab sich der erste Messschritt:

  1. Feld aus, Tröpfchen fällt. Aus der gemessenen Sinkgeschwindigkeit (Stoppuhr, Skalenstriche im Fernrohr) folgt über das Stokes-Gesetz der Radius des Tröpfchens — und mit der bekannten Öldichte seine . Das löste das Kernproblem aller Vorgängermethoden: Die Masse des einzelnen Teilchens war jetzt messbar.
  2. Feld ein, Tröpfchen steigt. Aus der Steiggeschwindigkeit bei bekannter folgt die elektrische und damit die des Tröpfchens.
  3. Umladen und wiederholen. Dasselbe Tröpfchen wurde mit Röntgenstrahlung umgeladen und der Steig-Sink-Zyklus viele Male wiederholt — teils über Stunden am selben Tröpfchen.

Eine Feinheit zeigt Millikans Sorgfalt: Für sehr kleine Tröpfchen stimmt das Stokes-Gesetz nicht mehr exakt, weil die Luft dann nicht mehr wie ein gleichmäßiges Medium wirkt — die Tröpfchen „spüren“ die Lücken zwischen den Luftmolekülen. Millikan bestimmte experimentell eine Korrektur des Stokes-Gesetzes für kleine Radien und veröffentlichte sie als Teil der (1911). Ohne diese Korrektur wären systematisch falsche Ladungen herausgekommen — ein Lehrstück dafür, dass ein Präzisionsexperiment auch die Grenzen seiner eigenen Hilfsgesetze vermessen muss.

Beobachtung und damalige Interpretation

Was wurde beobachtet? Die aus den Steig- und Sinkzeiten berechneten einzelner Tröpfchen waren nicht beliebig verteilt: Sie lagen auf Stufen — ganzzahlige Vielfache eines kleinsten Wertes. Und wenn ein Tröpfchen durch die Röntgenstrahlung umgeladen wurde, sprang seine Ladung stets um genau eine oder mehrere dieser Stufen, nie um Bruchteile.

Wie wurde das damals interpretiert? Millikan folgerte: Elektrische Ladung tritt in diskreten Einheiten auf; die Stufenhöhe ist die Elementarladung. In seiner Veröffentlichung von 1913 gab er an: e=4,774±0,009⋅10−10e = 4{,}774 \pm 0{,}009 \cdot 10^{-10} elektrostatische Einheiten (esu) — im heutigen Einheitensystem etwa 1,59⋅10−19 C1{,}59 \cdot 10^{-19}\ \mathrm{C}. Das war um Größenordnungen präziser als alle Vorgängerwerte.

Die Gegenposition. Der Wiener Physiker Felix Ehrenhaft berichtete aus ähnlichen Versuchen an Metallpartikeln auch kleinere Ladungen („Subelektronen“) und bestritt die Quantelung jahrelang. Die Kontroverse zog sich über ein Jahrzehnt; durchgesetzt hat sich Millikans Ergebnis, weil seine Ölmethode die Störeinflüsse (Verdunstung, unregelmäßige Partikelform, Brownsche Bewegung winzigster Teilchen) besser beherrschte. Wissenschaftshistorisch ist der Streit gut dokumentiert (Holton 1978) — er zeigt, dass auch ein „klassisches“ Ergebnis sich erst gegen ernsthafte Einwände behaupten musste.

Zeitleiste

  1. 1833

    Faradays Elektrolysegesetze

    Zu einer festen Stoffmenge gehört stets dieselbe abgeschiedene Ladungsmenge — der erste starke Hinweis, dass portioniert sein könnte.

  2. 1897

    Thomson: das Elektron

    J. J. Thomson misst an Kathodenstrahlen das Verhältnis e/me/m und identifiziert das Elektron als Teilchen. Die selbst bleibt unbekannt.

  3. um 1900

    Wolkenmethoden

    Townsend, Thomson und H. A. Wilson schätzen die Elementarladung aus dem Verhalten geladener Nebelwolken — nur Mittelwerte, stark streuend, weil Wassertröpfchen verdunsten.

  4. 1909–1910

    Einzeltröpfchen statt Wolke

    Millikan (mit Fletcher) geht zu einzelnen Tröpfchen über und ersetzt Wasser durch Öl — Tröpfchen lassen sich nun minutenlang beobachten und mehrfach umladen.

  5. 1911

    Methode und Stokes-Korrektur

    Millikan veröffentlicht die Einzeltröpfchen-Methode samt experimentell bestimmter Korrektur des Stokes-Gesetzes für kleine Radien (Physical Review).

  6. 1913

    Der Präzisionswert

    Millikan publiziert e=4,774±0,009⋅10−10e = 4{,}774 \pm 0{,}009 \cdot 10^{-10} esu — und zeigt: Alle Tröpfchenladungen sind ganzzahlige Vielfache dieses Wertes. Parallel läuft die Kontroverse mit Ehrenhaft um angebliche „Subelektronen“.

  7. 1923

    Nobelpreis

    Millikan erhält den Nobelpreis für Physik — für die Arbeiten zur Elementarladung und zum photoelektrischen Effekt.

  8. 2019

    e wird exakt

    Die SI-Reform legt e=1,602 176 634⋅10−19 Ce = 1{,}602\,176\,634 \cdot 10^{-19}\ \mathrm{C} exakt fest — die einst gesuchte Größe definiert heute die Einheit Coulomb.

Die schulische Betrachtung: Versuchsziel

Aktuelles Versuchsziel

Ladung eines Öltröpfchens bestimmen (Schwebemethode)

Bestimme die qq eines Öltröpfchens, das zwischen den Kondensatorplatten schwebt — und prüfe anschließend, ob sich qq als ganzzahliges Vielfaches der Elementarladung schreiben lässt. Das ist die schulische Vereinfachung des historischen : dieselbe Kernphysik (Kräftegleichgewicht), aber mit gegebener Tröpfchenmasse.

Gesucht

  • — Ladung des Tröpfchens (in )

    Die Unbekannte des Experiments — nicht direkt messbar, aber über das Kräftegleichgewicht aus messbaren Größen berechenbar.

Gemessen

  • — Spannung am Kondensator (in )

    Wird so eingeregelt, dass das Tröpfchen schwebt, und dann abgelesen — sie bestimmt über E=U/dE = U/d die elektrische Kraft.

  • — Plattenabstand (in )

    Zweite Zutat der Feldstärke E=U/dE = U/d; wird einmal am Aufbau gemessen.

Bekannt

  • — Masse des Tröpfchens (in )

    In der Schulvariante gegeben (hier: m=3,2⋅10−15 kgm = 3{,}2 \cdot 10^{-15}\ \mathrm{kg}). Historisch war ihre Bestimmung der schwierigste Teil — Millikan gewann sie aus der Sinkgeschwindigkeit über das Stokes-Gesetz (siehe historische Durchführung).

Berechnet

  • — Elektrische Feldstärke (in )

    Zwischengröße E=U/dE = U/d — sie übersetzt die gemessene Spannung in die Kraft pro Ladung.

Konstante

  • — Fallbeschleunigung (in )

    Bekannter Wert 9,81 m/s29{,}81\ \mathrm{m/s^2} — Bestandteil der Gewichtskraft.

Der Weg von der Messung zum Ergebnis:

Für diese Zielsetzung brauchst du:

  • Übersetzt die messbare Spannung in die Feldstärke des homogenen Feldes zwischen den Platten.Zur Formelsammlung
  • Das nach qq aufgelöste Kräftegleichgewicht des schwebenden Tröpfchens — die Auswertungsformel dieser Variante.Zur Formelsammlung

Versuchsprotokoll

So ist ein physikalisches Versuchsprotokoll aufgebaut. Die Reihenfolge ist immer dieselbe — die Inhalte gehören zu deinem gewählten Versuchsziel.

1Aufgabenstellung

Ein Öltröpfchen der m=3,2⋅10−15 kgm = 3{,}2 \cdot 10^{-15}\ \mathrm{kg} befindet sich zwischen den waagerechten Platten eines Kondensators (Plattenabstand d=5,0 mmd = 5{,}0\ \mathrm{mm}). Die wird so eingestellt, dass das Tröpfchen schwebt. Bestimme aus den Messwerten die qq des Tröpfchens und prüfe, ob sie ein ganzzahliges Vielfaches der Elementarladung e=1,602⋅10−19 Ce = 1{,}602 \cdot 10^{-19}\ \mathrm{C} ist.

2Vorbetrachtung

Die Situation durchdenken, bevor gerechnet wird. Auf das Tröpfchen zwischen den Platten wirken unter den Bedingungen dieser Betrachtung zwei :

  • die FG=m⋅gF_\mathrm{G} = m \cdot g, senkrecht nach unten — sie hängt nur von der ab;
  • die elektrische Kraft Fel=q⋅EF_\mathrm{el} = q \cdot E, entlang der Feldlinien — ihre Stärke lässt sich über die regeln, ihre Richtung hängt vom Vorzeichen der ab. Damit sie nach oben zeigt, muss die Platte, die das Tröpfchen anzieht, oben liegen.

(Der Auftrieb des Tröpfchens in Luft ist rund tausendmal kleiner als die Gewichtskraft — Öl ist etwa 750-mal dichter als Luft — und wird deshalb in dieser Betrachtung vernachlässigt.)

Vom Schweben zur Formel — der Gedankengang

  1. Was heißt „schweben“ physikalisch? Das Tröpfchen ruht — es bewegt sich weder auf noch ab. Nach dem Trägheitssatz bedeutet das: Die resultierende Kraft ist null, die beiden Kräfte sind im Gleichgewicht:

  2. Jetzt werden beide Kräfte durch ihre bekannten Ausdrücke ersetzt — links die elektrische Kraft auf die Ladung im Feld, rechts die Gewichtskraft:

  3. Gesucht ist qq, also durch EE teilen (E≠0E \neq 0, sonst gäbe es keine elektrische Kraft und kein Schweben):

  4. EE ist nicht direkt messbar — messbar sind Spannung und Plattenabstand. Im homogenen Feld des gilt E=U/dE = U/d; das wird eingesetzt (durch einen Bruch teilen heißt mit dem Kehrwert multiplizieren):

  5. Die Formel ist damit nicht „gegeben“, sondern entstanden: aus der Beobachtung (Schweben) über das Kräftegleichgewicht zu einer Gleichung aus lauter messbaren bzw. bekannten Größen. Genau dieser Dreischritt — Situation → Gesetz → Gleichung — ist das Muster jeder physikalischen Auswertung.

Beschleunigung längs der Feldlinien−+schnellStart in RuheBeschleunigungsspannung Uq · U = ½ · m · v²Die ganze verrichtete Arbeit steckt danach in der Bewegung

Zur Erinnerung an das Vorwissen: Ein geladenes Teilchen im homogenen Feld erfährt die Kraft F=qEF = qE entlang der Feldlinien. Beim Millikan-Versuch wird diese Kraft nicht zum Beschleunigen genutzt, sondern als Gegenspieler der Gewichtskraft — so, dass sich beide genau aufheben.

3Geräte / Stoffe

Die Geräteliste des Grundaufbaus gilt vollständig; entscheidend sind die regelbare Spannungsquelle (fürs Einregeln des Schwebens) und das Spannungsmessgerät (für den Messwert).

  • Plattenkondensator (waagerecht, Plattenabstand d)

    Erzeugt zwischen den Platten das homogene E=U/dE = U/d, das die elektrische auf das geladene Tröpfchen ausübt.

  • Regelbare Hochspannungsquelle mit Spannungsmessgerät

    Liefert die UU und macht sie messbar. Regelbar muss sie sein, damit sich die elektrische genau so einstellen lässt, dass ein Tröpfchen schwebt.

  • Zerstäuber mit Öl

    Erzeugt feinste Öltröpfchen (Radius unter einem Mikrometer), die sich durch elektrisch aufladen. Öl statt Wasser, weil die Tröpfchen sonst während der Beobachtung verdunsten.

  • Beleuchtung und Messmikroskop

    Die Tröpfchen sind zu klein, um sie direkt zu sehen — im Seitenlicht erscheinen sie im Mikroskop als helle Lichtpunkte, deren Bewegung sich verfolgen lässt.

4Skizze des Versuchsaufbaus

Die Skizze des Grundaufbaus zeigt den mit E=U/dE = U/d. Für diese Variante kommt gedanklich das Kräftebild hinzu: am schwebenden Tröpfchen greifen FGF_\mathrm{G} (nach unten) und FelF_\mathrm{el} (nach oben) an — gleich lang gezeichnet, denn genau das ist das Gleichgewicht.

Das homogene Feld zwischen zwei Platten+−+−+−+−+−+−dE = U / dHomogen ist das Feld nur zwischen den Platten, nicht am Rand

Das Herzstück des Aufbaus: ein . Zwischen den waagerechten Platten herrscht ein (nahezu) homogenes mit E=U/dE = U/d — überall gleich stark und gleich gerichtet. Nur deshalb lässt sich die elektrische auf ein Tröpfchen so einfach berechnen.

Der schulische Aufbau besteht aus einem waagerecht liegenden Plattenkondensator (Plattenabstand dd, regelbare UU), einem Zerstäuber, der feinste Öltröpfchen in den Raum zwischen den Platten bringt, einer seitlichen Beleuchtung und einem Messmikroskop. Die Tröpfchen laden sich beim Zerstäuben durch elektrisch auf — welche ein einzelnes Tröpfchen trägt, ist zunächst unbekannt und genau das, was bestimmt werden soll.

Warum waagerechte Platten? Die zeigt senkrecht nach unten. Sollen elektrische Kraft und Gewichtskraft gegeneinander arbeiten können, muss die elektrische Kraft senkrecht nach oben zeigen — also müssen die Feldlinien senkrecht verlaufen, und dafür liegen die Platten waagerecht: die positive Platte unten oder oben, je nach Vorzeichen der Tröpfchenladung.

5Durchführung

Schritt 1: Tröpfchen einbringen. Mit dem Zerstäuber Öltröpfchen zwischen die Platten sprühen. Im Mikroskop erscheinen sie als helle Punkte, die langsam sinken.

Schritt 2: Ein Tröpfchen auswählen und die einregeln. Ein einzelnes, langsam sinkendes Tröpfchen ins Auge fassen und die Spannung langsam erhöhen. Geladene Tröpfchen werden langsamer, bleiben stehen oder steigen — je nach . Die Spannung so nachregeln, dass das gewählte Tröpfchen still steht.

Schritt 3: Messwerte ablesen. Die Schwebespannung UU ablesen. Der Plattenabstand dd wird einmal am Aufbau gemessen.

6Beobachtung

Ohne sinken alle Tröpfchen langsam und gleichmäßig (nicht — die Luftreibung begrenzt die sofort). Mit wachsender Spannung ändern manche Tröpfchen ihr Verhalten: Sie werden langsamer, stehen still oder steigen — andere sinken unbeeindruckt weiter. Bei einem ausgewählten Tröpfchen steht im Beispiel bei U=490 VU = 490\ \mathrm{V} die Bewegung still.

7Auswertung

Schritt 1: berechnen. Zuerst wird die Umrechnung fällig: d=5,0 mm=5,0⋅10−3 md = 5{,}0\ \mathrm{mm} = 5{,}0 \cdot 10^{-3}\ \mathrm{m} — die Feldstärke verlangt Meter, sonst stimmen die Einheiten der Kette nicht.

E=Ud=490 V5,0⋅10−3 m=9,8⋅104 VmE = \frac{U}{d} = \frac{490\ \mathrm{V}}{5{,}0 \cdot 10^{-3}\ \mathrm{m}} = 9{,}8 \cdot 10^{4}\ \frac{\mathrm{V}}{\mathrm{m}}

Schritt 2: aus dem Kräftegleichgewicht.

q=m⋅gE=3,2⋅10−15 kg⋅9,81 ms29,8⋅104 Vm=3,14⋅10−14 N9,8⋅104 Vm≈3,2⋅10−19 Cq = \frac{m \cdot g}{E} = \frac{3{,}2 \cdot 10^{-15}\ \mathrm{kg} \cdot 9{,}81\ \tfrac{\mathrm{m}}{\mathrm{s}^2}}{9{,}8 \cdot 10^{4}\ \tfrac{\mathrm{V}}{\mathrm{m}}} = \frac{3{,}14 \cdot 10^{-14}\ \mathrm{N}}{9{,}8 \cdot 10^{4}\ \tfrac{\mathrm{V}}{\mathrm{m}}} \approx 3{,}2 \cdot 10^{-19}\ \mathrm{C}

(Zur Einheit: N/(V/m)=N⋅m/V=J/V=C\mathrm{N}/(\mathrm{V/m}) = \mathrm{N \cdot m / V} = \mathrm{J/V} = \mathrm{C} — es kommt tatsächlich eine Ladung heraus.)

Schritt 3: Die entscheidende Prüfung — Vielfaches von ee?

qe=3,2⋅10−19 C1,602⋅10−19 C≈2,0\frac{q}{e} = \frac{3{,}2 \cdot 10^{-19}\ \mathrm{C}}{1{,}602 \cdot 10^{-19}\ \mathrm{C}} \approx 2{,}0

Das Tröpfchen trägt also (im Rahmen der Messgenauigkeit) genau zwei Elementarladungen — es fehlen ihm zwei Elektronen oder es trägt zwei zu viel, je nach Vorzeichen. Erst diese Prüfung macht aus einer Ladungsmessung den Blick auf die Quantisierung: Ein einzelnes Tröpfchen könnte zufällig passen — dass bei vielen Tröpfchen immer ganzzahlige Vielfache herauskommen (historisch an hunderten Tröpfchen gemessen), trägt die Aussage.

8Fazit

Aus Schwebespannung U=490 VU = 490\ \mathrm{V}, Plattenabstand d=5,0 mmd = 5{,}0\ \mathrm{mm} und der gegebenen Tröpfchenmasse ergibt sich die q≈3,2⋅10−19 C≈2eq \approx 3{,}2 \cdot 10^{-19}\ \mathrm{C} \approx 2e. Die Fragestellung ist beantwortet: Die gemessene Ladung ist ein ganzzahliges Vielfaches der Elementarladung — im Einklang mit dem historischen Befund, dass elektrische Ladung gequantelt ist. Eine einzelne Messung belegt die Quantisierung nicht; sie fügt sich in das Muster, das erst durch viele Messungen an vielen Tröpfchen trägt.

9Fehlerbetrachtung

Die Fehlerquellen der Schwebemethode unterscheiden sich deutlich von denen des Fadenpendels: Hier dominieren nicht Reaktionszeiten, sondern die Instabilität des Schwebezustands und die Frage, wie gut die eingehenden Größen — allen voran die Tröpfchenmasse — wirklich bekannt sind.

Schwebezustand nicht exakt bestimmbareher zufällig

Ursache

Brownsche Bewegung und kleinste Luftströmungen lassen das Tröpfchen um seine Lage zittern; „es steht still“ ist immer ein Urteil über einige Sekunden Beobachtung.

Auswirkung

Die abgelesene Schwebespannung UU streut um einige Prozent; wegen q∼1/Uq \sim 1/U überträgt sich das direkt auf qq. Bei der Zuordnung zu n⋅en \cdot e fällt das erst auf, wenn die Streuung an eine halbe Elementarladung heranreicht.

Verbesserung

Länger beobachten, mehrfach neu einregeln und mitteln; Konvektion vermeiden (Kammer geschlossen halten, Beleuchtungswärme minimieren).

Tröpfchenmasse ungenaueher systematisch

Ursache

In der Schulvariante wird mm vorgegeben — real ist die eines einzelnen Tröpfchens schwer zugänglich. Historisch wurde sie aus der Sinkgeschwindigkeit über das Stokes-Gesetz bestimmt, das für sehr kleine Radien selbst korrekturbedürftig ist.

Auswirkung

q∼mq \sim m: Jeder relative Fehler der geht eins zu eins in die . Millikans um 0,6 %0{,}6\,\% zu kleiner ee-Wert hatte genau hier seine Wurzel — im ungenauen Viskositätswert, der über das Stokes-Gesetz in die Massenbestimmung einging.

Verbesserung

Historische Lösung: je Tröpfchen aus der Sinkbewegung bestimmen und die Stokes-Korrektur für kleine Radien anwenden; im Schulversuch: die Herkunft des angegebenen m hinterfragen.

Feld am Rand nicht homogen / Platten nicht exakt paralleleher systematisch

Ursache

E=U/dE = U/d gilt für das homogene Feld zwischen ausgedehnten, parallelen Platten. Am Plattenrand krümmen sich die Feldlinien, und ein ungleichmäßiger Plattenabstand macht EE ortsabhängig.

Auswirkung

Für Tröpfchen nahe am Rand stimmt die berechnete nicht — qq wird systematisch falsch, ohne dass man es der Einzelmessung ansieht.

Verbesserung

Nur Tröpfchen in der Mitte des Plattenraums auswerten; Plattenabstand an mehreren Stellen messen.

Vernachlässigter Auftriebeher systematisch

Ursache

Das Tröpfchen verdrängt Luft; die Auftriebskraft wirkt der entgegen und wurde im Modell weggelassen.

Auswirkung

Die wirksame ist um das Verhältnis der von Luft und Öl kleiner — etwa 0,13 %0{,}13\,\%. Der Fehler ist klein gegen die übrigen Unsicherheiten, aber systematisch: qq wird stets geringfügig überschätzt.

Verbesserung

Für Präzisionsmessungen die Auftriebskorrektur mitführen: statt m⋅gm \cdot g die um den Auftrieb verminderte ansetzen (so auch historisch bei Millikan über die Dichtedifferenz von Öl und Luft).

Warum ist dieses Experiment wichtig?

Die Bedeutung des liegt auf drei Ebenen:

  1. Ladungsquantisierung als Messergebnis. Dass nur in Vielfachen von ee auftritt, war nun keine Deutung von Mittelwerten mehr, sondern an einzelnen Teilchen gemessen — mit dem Umladungssprung als unmittelbar sichtbarer Ladungsstufe.
  2. Ein Präzisionswert für ee. Mit ee ließen sich weitere Konstanten berechnen, allen voran die Avogadro-Konstante (über die Faraday-Konstante der Elektrolyse) — und damit und Anzahl von Atomen. Das Experiment stärkte so die damals noch nicht selbstverständliche Überzeugung, dass Atome real und zählbar sind.
  3. Methodisch ein Maßstab. Die Kombination aus Einzelteilchen-Beobachtung, kontrollierter Störgrößenkorrektur (Stokes-Korrektur) und tausendfacher Wiederholung wurde zum Vorbild für Präzisionsmessungen.

Millikan erhielt 1923 den Nobelpreis für Physik — ausdrücklich für seine Arbeiten zur Elementarladung und zum photoelektrischen Effekt (NobelPrize.org).

Was kam danach?

Millikans Zahlenwert wurde in den folgenden Jahrzehnten korrigiert: Der von ihm verwendete Wert für die Zähigkeit der Luft war etwas zu klein, wodurch sein ee um rund 0,6 %0{,}6\,\% unter dem heutigen Wert lag. Präzisere Viskositätsmessungen und später völlig unabhängige Methoden (etwa über Röntgenbeugung an Kristallen zur Avogadro-Bestimmung) führten die Konstante immer genauer.

Das Ende dieser Entwicklung ist bemerkenswert: Seit der Neudefinition des SI-Einheitensystems 2019 wird die Elementarladung nicht mehr gemessen, sondern ist exakt festgelegt: e=1,602 176 634⋅10−19 Ce = 1{,}602\,176\,634 \cdot 10^{-19}\ \mathrm{C}. Die Logik hat sich umgekehrt — heute definiert ee die Einheit Coulomb, nicht umgekehrt. Aus der gesuchten Größe von 1913 ist ein Grundpfeiler des Einheitensystems geworden.

Wie verstehen wir das Experiment heute?

Aus heutiger Sicht kommen zwei Einordnungen hinzu, die Millikan noch nicht kennen konnte:

  • Quarks tragen Drittelladungen. Nach dem Standardmodell der Teilchenphysik tragen Quarks von ±13e\pm\tfrac{1}{3}e und ±23e\pm\tfrac{2}{3}e. Das widerspricht Millikans Ergebnis nicht: Quarks treten nie frei auf, sondern nur in Verbünden (wie Proton und Neutron), deren Gesamtladung stets ein ganzzahliges Vielfaches von ee ist. Für jedes frei beobachtbare Teilchen gilt die Quantelung unverändert — , die nach frei beweglichen Drittelladungen suchten (teils mit modernisierten Millikan-Aufbauten), fanden keine.
  • Die Größe „Elementarladung“ blieb, ihr Status änderte sich. Was 1913 ein Messwert mit Unsicherheit war, ist seit 2019 eine definierte Konstante. Dass ein und dieselbe Größe diesen Weg gehen kann — von der umstrittenen Vermutung über den Präzisionsmesswert bis zum Fundament des Einheitensystems —, macht dieses Experiment zu einem Musterbeispiel dafür, wie physikalische Erkenntnis entsteht und reift.

Quellen

Die historischen Aussagen dieser Seite stützen sich auf die folgenden Quellen. Die Darstellung ist eigenständig didaktisch aufbereitet und keine Übernahme der Texte.

  • On the Elementary Electrical Charge and the Avogadro Constant — Robert A. Millikan (1913), Physical Review 2, 109–143 Zur Quelle
  • The Isolation of an Ion, a Precision Measurement of its Charge, and the Correction of Stokes's Law — Robert A. Millikan (1911), Physical Review (Series I) 32, 349–397
  • Robert A. Millikan — Facts (Nobelpreis für Physik 1923), NobelPrize.org, Nobel Prize Outreach Zur Quelle
  • My work with Millikan on the oil-drop experiment — Harvey Fletcher (1982), Physics Today 35 (6), 43–47
  • Subelectrons, Presuppositions, and the Millikan–Ehrenhaft Dispute — Gerald Holton (1978), Historical Studies in the Physical Sciences 9, 161–224
  • Le Système international d’unités / The International System of Units (SI-Broschüre, 9. Auflage) (2019), Bureau International des Poids et Mesures (BIPM) Zur Quelle

Das Wichtigste

Historische Frage

Tritt nur in diskreten Portionen auf — und wie groß ist die kleinste, die Elementarladung?

Idee

Die einzelner Öltröpfchen messen statt Mittelwerte über Millionen Teilchen — nur so ist entscheidbar, ob Ladung gequantelt ist.

Zentrale Physik (Schulvariante)

Schwebendes Tröpfchen ⇒ Kräftegleichgewicht Fel=FGF_\mathrm{el} = F_\mathrm{G} ⇒ q⋅E=m⋅gq \cdot E = m \cdot g ⇒ q=m⋅g⋅dUq = \dfrac{m \cdot g \cdot d}{U}.

Historisches Ergebnis

Alle gemessenen sind ganzzahlige Vielfache einer kleinsten Ladung. Millikan (1913): e=4,774⋅10−10e = 4{,}774 \cdot 10^{-10} esu — nach heutiger Kenntnis rund 0,6 %0{,}6\,\% zu klein, weil der damals verwendete Wert der Luftviskosität ungenau war.

Heute

Seit der SI-Reform 2019 ist e=1,602 176 634⋅10−19 Ce = 1{,}602\,176\,634 \cdot 10^{-19}\ \mathrm{C} exakt festgelegt — die Einheit Coulomb wird über ee definiert, nicht mehr umgekehrt.

Wichtigste Fehlerquelle (Schulvariante)

Das Schweben ist nie perfekt: Brownsche Bewegung und Luftströmungen stören, und die Tröpfchenmasse muss unabhängig bekannt sein — historisch war gerade ihre Bestimmung der schwierigste Teil.

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