Atom- und Kernphysik
Kernspaltung und Kernfusion
Wie ein Reaktor arbeitet, warum die Sonne seit Milliarden Jahren scheint und warum Fusion auf der Erde so schwer ist.
Benötigte Grundlagen
Dieses Vorwissen brauchst du für das Kapitel. Schau kurz nach, wenn dir etwas davon nicht mehr präsent ist, sonst leg direkt los.
Einführung
Otto Hahn und Fritz Strassmann fanden Ende 1938 nach dem Beschuss von Uran mit Neutronen etwas, das sie sich nicht erklären konnten: Barium, ein Element von etwa halber . Hahn hielt es zunächst für einen Fehler.
Lise Meitner, die kurz zuvor vor den Nationalsozialisten nach Schweden hatte fliehen müssen, lieferte im Januar 1939 gemeinsam mit ihrem Neffen Otto Frisch die Deutung: Der Urankern war gespalten worden. Sie berechneten aus dem die freiwerdende , und der Wert war ungeheuerlich.
Innerhalb weniger Jahre führte das zu Kernreaktoren und zu Atomwaffen. Die Physik dahinter steht vollständig in der Bindungsenergiekurve.
Das kannst du nach diesem Kapitel
die Kernspaltung beschreiben und die berechnen.
die Kettenreaktion und ihre Steuerung erklären.
den Aufbau eines Kernreaktors beschreiben.
die Kernfusion und ihre Bedingungen erläutern.
begründen, warum Fusion auf der Erde so schwierig ist.
Chancen und Risiken sachlich abwägen.
Die Kernspaltung
Ein -Kern fängt ein langsames Neutron ein, wird dadurch instabil und zerfällt in zwei mittelschwere Bruchstücke:
Die Spaltprodukte sind nicht immer dieselben; es gibt viele mögliche Aufteilungen.
Warum frei wird: Uran hat , die Bruchstücke rund . Der Gewinn beträgt also etwa je Nukleon, bei Nukleonen rund
Die Energie verteilt sich überwiegend auf die kinetische Energie der Bruchstücke (rund ), dazu kommen Neutronen, Gamma- und Betastrahlung.
🔴 Der entscheidende Punkt für die Technik: Bei jeder Spaltung entstehen im Mittel zwei bis drei neue Neutronen. Diese können weitere Kerne spalten, sodass eine Kettenreaktion entstehen kann.
Rechne die beiden Proben mit: oben 235 + 1 = 236 und unten 92 + 0 = 92. Genau so prüfst du jede Kerngleichung. Die rund 200 MeV kommen nicht aus dem Nichts, sondern aus dem Sprung auf der Bindungskurve, millionenfach mehr, als bei irgendeiner chemischen Reaktion je frei wird.
Die Kettenreaktion
Man beschreibt sie durch den Multiplikationsfaktor , die mittlere Zahl der Neutronen, die aus einer Spaltung eine weitere auslösen:
| Verhalten | Bezeichnung | |
|---|---|---|
| Reaktion erlischt | unterkritisch | |
| Reaktion läuft stabil | kritisch | |
| Reaktion wächst lawinenartig | überkritisch |
Im Kernkraftwerk hält man . Jede Spaltung löst genau eine weitere aus, die bleibt konstant.
Zwei Bedingungen für eine Kettenreaktion:
- Angereichertes Uran. Natururan enthält nur ; der Rest ist , das langsame Neutronen einfängt, ohne sich zu spalten. Für Reaktoren reichert man auf bis an.
- Kritische . Ist der Brennstoff zu klein, entweichen zu viele Neutronen durch die Oberfläche, bevor sie einen Kern treffen.
Hier vereinfacht mit zwei wirksamen Neutronen je Spaltung: 1, 2, 4. Entscheidend ist der Faktor. Unter 1 erlischt die Reaktion, genau 1 hält sie gleichmäßig am Laufen, über 1 läuft sie davon.
Der Reaktor
| Bauteil | Aufgabe |
|---|---|
| Brennstäbe | angereichertes Uran |
| Moderator (Wasser, Graphit) | bremst die schnellen Neutronen ab |
| Steuerstäbe (Bor, Cadmium) | fangen Neutronen ein, regeln |
| Kühlmittel | führt die ab |
| Abschirmung | Beton und Stahl gegen Strahlung |
🔴 Warum ein Moderator nötig ist: Die bei der Spaltung entstehenden Neutronen sind schnell, und schnelle Neutronen spalten nur schlecht. Erst abgebremste (thermische) Neutronen sind wirksam. Der Moderator bremst sie durch Stöße ab.
Wasser eignet sich dafür besonders, weil Wasserstoffkerne fast dieselbe haben wie Neutronen und bei einem Stoß viel aufnehmen.
Ein Sicherheitsvorteil daraus: Fällt bei einem Wasserreaktor das Kühlwasser aus, verschwindet zugleich der Moderator, und die Kettenreaktion bricht von selbst zusammen. Beim Reaktortyp von Tschernobyl war der Moderator dagegen Graphit, das bei Kühlmittelverlust bleibt; das war eine der Ursachen der Katastrophe von 1986.
Die entstehende Wärme erzeugt Dampf, der eine Turbine antreibt. Der eigentliche Kraftwerksteil unterscheidet sich nicht von einem Kohlekraftwerk.
Die beiden Stabsorten haben entgegengesetzte Aufgaben: Die Brennstäbe liefern die Spaltungen, die Steuerstäbe schlucken Neutronen. Geregelt wird also nie die Spaltung selbst, sondern immer nur die Zahl der Neutronen, die weitermachen dürfen.
Die Kernfusion
Leichte Kerne verschmelzen zu einem schwereren. Die wichtigste Reaktion für die Technik:
Das sind , also rund viermal mehr als bei der Spaltung ().
In der Sonne läuft die Proton-Proton-Reaktion:
Dabei verliert die Sonne je Sekunde rund vier Millionen Tonnen .
Die Reaktion selbst ist einfach, der Weg dorthin ist das Problem: Beide Kerne sind positiv geladen und stoßen einander ab, je näher desto stärker. Erst bei rund 100 Millionen Grad sind sie schnell genug, diesen Wall zu überwinden.
Warum Fusion so schwer ist
Beide Kerne sind positiv geladen und stoßen sich ab. Damit sie sich so nahe kommen, dass die starke Kernkraft greift (rund ), müssen sie diese Abstoßung überwinden.
Das erfordert:
- von über Millionen Grad, damit die Kerne schnell genug sind,
- hohe , damit sich Kerne oft genug treffen,
- ausreichende Einschlusszeit, damit die Reaktion sich lohnt.
🔴 Bei diesen Temperaturen liegt der Brennstoff als Plasma vor und würde jedes Gefäß zerstören. Deshalb schließt man ihn berührungslos ein, mit (Tokamak, Stellarator) oder durch Trägheitseinschluss (Laserbeschuss).
In der Sonne ist es einfacher: Dort besorgt die den Einschluss, und die enorme Dichte gleicht die vergleichsweise niedrige Temperatur von Millionen Grad aus. Ein solcher Einschluss lässt sich auf der Erde nicht nachbauen.
Stand der Technik: Der Versuchsreaktor ITER soll ab den 2030er Jahren erstmals mehr liefern als hineingesteckt wird. 2022 gelang am US-Forschungszentrum NIF erstmals ein Nettoenergiegewinn im Trägheitseinschluss, allerdings nur bezogen auf die Laserenergie, nicht auf die Gesamtanlage.
Der Vergleich
| Kernspaltung | Kernfusion | |
|---|---|---|
| Brennstoff | Uran (begrenzt) | Wasserstoff (praktisch unbegrenzt) |
| je Nukleon | ||
| Abfall | langlebig (Jahrtausende) | überwiegend kurzlebig |
| Unfallrisiko | Kettenreaktion, Nachzerfallswärme | Reaktion erlischt von selbst |
| Stand | seit 1954 im Einsatz | im Versuchsstadium |
Zur Abwägung. Kernspaltung liefert grundlastfähig Strom ohne CO2-Ausstoß im Betrieb, hinterlässt aber Abfall, der über Hunderttausende Jahre sicher gelagert werden muss, und birgt Unfallrisiken mit weiträumigen Folgen (Tschernobyl 1986, Fukushima 2011).
🔴 Diese Abwägung ist keine physikalische, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung. Die Physik liefert die Zahlen zu Energiedichte, und Risiken; welches Gewicht man ihnen gibt, ist damit nicht entschieden.
Die rohen Zahlen führen in die Irre: 200 MeV klingt nach viel mehr als 17,6. Erst je Kernbaustein gerechnet stimmt der Vergleich, und dann liefert die Fusion rund das Vierfache. Dazu kommt zweierlei: Ihr Brennstoff steckt im Meerwasser, und langlebiger Abfall entsteht nicht.
Energie aus Kernspaltung berechnen
Bei der Spaltung eines -Kerns werden frei.
a) Welche steckt in ()?
b) Wie viel Steinkohle () entspricht das?
c) Welchem entsprechen ?
d) Wie viel Prozent der Kernmasse sind das?
- 1
a) Zahl der Kerne in :
Energie je Kern in Joule:
Gesamtenergie:
Das sind rund , also der Jahresstromverbrauch von etwa sieben Haushalten, aus einem einzigen Gramm.
- 2
b)
🔴 Ein Gramm Uran entspricht rund drei Tonnen Kohle, also einem Verhältnis von etwa .
Genau diese Energiedichte erklärt beides: warum Kernenergie technisch attraktiv ist und warum ihre Abfälle in so kleinen Mengen anfallen, dafür aber so problematisch sind.
- 3
c)
In atomaren Masseneinheiten:
- 4
d) Anteil an der Kernmasse:
🔴 Weniger als ein Promille der wird zu Energie, und das genügt für die gewaltigen Energiemengen aus a).
Der Grund ist der Faktor . Nicht die umgesetzte Masse ist groß, sondern der Umrechnungsfaktor.
Zum Vergleich mit der Chemie: Beim Verbrennen von Kohle beträgt der relative Massenverlust rund , also nochmals sechs Zehnerpotenzen weniger. Auch dort wird Masse in Energie überführt, nur unmessbar wenig.
Und bei der Fusion: Dort sind es rund , also etwa das Vierfache der Spaltung. Deshalb ist sie je Kilogramm Brennstoff so viel ergiebiger.
Die Reihe zeigt den Zusammenhang:
Vorgang relativer Massenverlust chemisch Kernspaltung Kernfusion vollständige Umwandlung Selbst die Kernfusion nutzt also weniger als ein halbes Prozent der in der Materie steckenden Energie.
a) rund () b) rund Kohle c) d) rund der Kernmasse.
Warum Fusion auf der Erde so schwer ist
In der Sonne läuft die Fusion seit Milliarden Jahren stabil ab. Erkläre, warum sie auf der Erde trotz jahrzehntelanger Forschung noch kein Kraftwerk antreibt.
- 1
Das grundlegende Hindernis: die Coulombabstoßung.
Beide Kerne sind positiv geladen und stoßen sich ab. Damit die anziehende starke Kernkraft greifen kann, müssen sie sich auf rund nähern.
Dafür brauchen sie eine sehr hohe kinetische , also eine sehr hohe : über Millionen Grad für die Deuterium-Tritium-Reaktion.
Zum Vergleich: Die Sonnenoberfläche hat rund , ein Hochofen etwa .
- 2
Warum es in der Sonne dennoch funktioniert.
Bemerkenswerterweise ist es im Sonnenkern mit rund Millionen Grad deutlich kühler als das, was man auf der Erde braucht. Drei Umstände gleichen das aus:
1. Enorme . Der Sonnenkern hat rund , also das Zehnfache von Blei. Dadurch treffen sich die Kerne trotz geringerer oft genug.
2. Gewaltiger Einschluss durch . Die Sonne hält sich selbst zusammen. Es gibt kein Gefäß, das versagen könnte, und der Einschluss ist praktisch unbegrenzt.
3. Ungeheure Menge und viel Zeit. Die Reaktionsrate je Volumen ist tatsächlich sehr gering; die Leistungsdichte im Sonnenkern beträgt nur etwa , weniger als ein Komposthaufen. Erst das enorme Volumen ergibt die Gesamtleistung.
🔴 Ein Fusionskraftwerk nach dem Vorbild der Sonne wäre also nutzlos: Es müsste die Größe eines Sterns haben. Auf der Erde braucht man höhere Temperaturen, um mit weit weniger Material auszukommen.
- 3
Das technische Problem: der Einschluss.
Bei über Millionen Grad liegt der Brennstoff als Plasma vor und würde jede Gefäßwand sofort zerstören und dabei selbst abkühlen.
Man braucht deshalb einen berührungslosen Einschluss:
Magnetischer Einschluss (Tokamak, Stellarator). Da das Plasma aus geladenen Teilchen besteht, lässt es sich durch starke auf Bahnen zwingen und von der Wand fernhalten. Das Plasma ist aber instabil und neigt dazu, auszubrechen. Die Beherrschung dieser Instabilitäten ist das Kernproblem der Fusionsforschung.
Trägheitseinschluss. Man beschießt ein winziges Brennstoffkügelchen von allen Seiten mit Lasern. Es wird so schnell komprimiert und erhitzt, dass die Fusion abläuft, bevor es auseinanderfliegt.
- 4
Das Kriterium für ein Kraftwerk.
Es genügt nicht, Fusion zu erzeugen; sie muss mehr Energie liefern, als hineingesteckt wird. Dafür müssen Dichte, Temperatur und Einschlusszeit gleichzeitig hoch genug sein (Lawson-Kriterium).
Genau daran scheitert es bisher: Jede der drei Größen ist erreichbar, aber nicht alle zugleich und nicht lange genug.
Stand der Dinge:
- ITER (Frankreich, im Bau) soll ab den 2030er Jahren erstmals ein deutliches Energieplus im magnetischen Einschluss zeigen.
- 2022 gelang am NIF (USA) erstmals ein Nettoenergiegewinn im Trägheitseinschluss, allerdings nur bezogen auf die eingestrahlte Laserenergie; die Gesamtanlage verbrauchte weiterhin ein Vielfaches.
Weitere ungelöste Fragen: Die freigesetzten Neutronen machen die Reaktorwand mit der Zeit und schädigen das Material. Tritium kommt in der Natur kaum vor und muss im Reaktor selbst erbrütet werden.
🔴 Ehrliche Einordnung: Kernfusion ist physikalisch verstanden und funktioniert nachweislich, aber ein kommerzielles Kraftwerk gibt es nicht und wird es nach heutigem Stand frühestens in der zweiten Jahrhunderthälfte geben.
Der oft zitierte Satz, die Fusion sei „seit fünfzig Jahren noch dreißig Jahre entfernt", ist überspitzt, trifft aber einen wahren Kern: Die Schwierigkeiten waren größer als anfangs erwartet.
Warum man dennoch daran arbeitet: Der Brennstoff ist praktisch unbegrenzt (Deuterium aus Meerwasser), es entsteht kein langlebiger hochradioaktiver Abfall, und ein Unfall mit Kettenreaktion ist unmöglich, weil die Reaktion bei jeder Störung von selbst erlischt.
Die Coulombabstoßung verlangt über Millionen Grad; das Plasma zerstört jedes Gefäß und muss berührungslos eingeschlossen werden. In der Sonne besorgt die Gravitation den Einschluss, was sich auf der Erde nicht nachbauen lässt.
Typischer Fehler
„Ein Kernkraftwerk kann wie eine Atombombe explodieren."
Eine nukleare Explosion ist in einem Kernkraftwerk physikalisch unmöglich, und zwar aus zwei unabhängigen Gründen.
Erstens: der Anreicherungsgrad. Für eine nukleare Explosion braucht man Uran mit über (waffenfähig). Reaktorbrennstoff enthält nur bis . Mit dieser Zusammensetzung lässt sich keine explosive Kettenreaktion aufbauen, gleich was man tut.
Zweitens: die Zeitskala. Eine nukleare Explosion erfordert, dass die Kettenreaktion in Mikrosekunden lawinenartig anwächst. Das setzt eine bestimmte Geometrie und eine sehr rasche Zusammenführung überkritischer voraus. Ein Reaktor ist konstruktiv so gebaut, dass das nicht geschehen kann; er würde sich bei einem Leistungsanstieg vorher selbst zerlegen und damit die Reaktion beenden.
Was tatsächlich passieren kann, und was schwer genug ist:
Nachzerfallswärme. Auch nach dem vollständigen Abschalten der Kettenreaktion erzeugen die Spaltprodukte weiter , anfangs rund der Nennleistung. Fällt die Kühlung aus, kann der Kern schmelzen. Genau das geschah 2011 in Fukushima, nachdem ein Tsunami die Notstromversorgung zerstört hatte.
Chemische und Dampfexplosionen. Bei hohen entsteht aus Zirkonium und Wasserdampf Wasserstoff, der explodieren kann. Die Explosionen in Fukushima waren Wasserstoffexplosionen, keine nuklearen.
Leistungsexkursion. In Tschernobyl 1986 stieg die binnen Sekunden auf ein Vielfaches, was zu einer Dampfexplosion und zum Brand des Graphitmoderators führte. Auch das war keine nukleare Explosion, richtete aber wegen des freigesetzten Materials verheerenden Schaden an.
🔴 Die Unterscheidung ist wichtig, aber keine Verharmlosung. Die Folgen von Tschernobyl und Fukushima waren gravierend, und die freigesetzte Radioaktivität ist das eigentliche Risiko, nicht eine Explosionswirkung.
Wer aber glaubt, ein Kraftwerk könne wie eine Bombe explodieren, kann weder die tatsächlichen Risiken noch die Sicherheitsmaßnahmen richtig einordnen. Die entscheidenden Auslegungsfragen betreffen die Kühlung und den Einschluss radioaktiver Stoffe, nicht eine Explosionsverhinderung.
Übung 1
leichta) Stelle die Reaktionsgleichung für die Spaltung von zu Barium-141 und Krypton-92 auf und prüfe sie.
b) Was bedeutet ?
c) Wozu dient der Moderator?
Tipp anzeigen
a) Massenzahlen und Kernladungszahlen prüfen.
Lösung anzeigen
a)
Probe oben (Massenzahlen): links; rechts ✓
Probe unten (Kernladungszahlen): links; rechts ✓
b) bedeutet, dass jede Spaltung im Mittel genau eine weitere auslöst. Die Reaktion läuft dann stabil mit konstanter . Das ist der normale Betriebszustand eines Kernkraftwerks.
Bei erlischt die Reaktion, bei wächst sie lawinenartig an.
c) Er bremst die schnellen Neutronen ab.
Die bei der Spaltung entstehenden Neutronen sind schnell, und schnelle Neutronen spalten nur schlecht. Erst abgebremste (thermische) Neutronen werden wirksam eingefangen.
Der Moderator (Wasser oder Graphit) bremst sie durch Stöße ab. Wasser eignet sich besonders, weil Wasserstoffkerne etwa dieselbe haben wie Neutronen und bei einem Stoß viel aufnehmen.
Detaillierte Schritterklärung anzeigen
Hier wird jeder Schritt einzeln erklärt, vor allem, warum er gemacht wird.
✦ Empfohlen: Standard – Die normale Erklärungstiefe passt zum Einstieg.
- 1
Gegeben und Gesucht bei der Uranspaltung
a) verlangt die Reaktionsgleichung für die Spaltung von zu Barium-141 und Krypton-92 samt Probe. b) fragt nach der Bedeutung von , c) nach der Aufgabe des Moderators.
- 2
Die Erhaltungssätze der Kernreaktion
Bei jeder Kernreaktion bleiben Massenzahl (obere Zahl) und Kernladungszahl (untere Zahl) erhalten. Aus diesen beiden Bilanzen folgt die fehlende Größe eindeutig.
- 3
a) Die Reaktionsgleichung aufstellen und prüfen
Erst die Gleichung ansetzen, dann beide Bilanzen prüfen.
Massenzahlen: ; Kernladungszahlen:
Zwischenergebnis
- 4
b) und c) Ergebnis deuten: Kritikalität und Moderator
b) bedeutet, dass jede Spaltung im Mittel genau eine weitere auslöst, die Reaktion läuft stabil mit konstanter Leistung; bei erlischt sie, bei wächst sie lawinenartig. c) Der Moderator bremst die schnellen Neutronen ab, weil erst von langsamen (thermischen) Neutronen gut gespalten wird.
Übung 2
mittela) Warum muss Uran angereichert werden?
b) Warum ist die Fusion je Nukleon ergiebiger als die Spaltung?
c) Warum kann ein Kernkraftwerk nicht wie eine Atombombe explodieren?
d) Was ist Nachzerfallswärme und warum ist sie gefährlich?
Tipp anzeigen
a) Welchen Anteil hat im Natururan?
Lösung anzeigen
a) Weil Natururan nur zu aus dem spaltbaren besteht. Der Rest ist , das langsame Neutronen einfängt, ohne sich zu spalten.
Bei diesem Anteil gehen zu viele Neutronen an verloren, und eine Kettenreaktion kommt in üblichen Reaktoren nicht zustande. Man reichert deshalb auf bis an.
(Für waffenfähiges Material sind über nötig. Genau deshalb ist die Anreicherungstechnik der kritische Punkt bei der Weiterverbreitung von Kernwaffen.)
Ausnahme: Manche Reaktortypen arbeiten mit Natururan, brauchen dafür aber schweres Wasser als Moderator, das kaum Neutronen absorbiert.
b) Weil die Bindungsenergiekurve links vom Maximum steiler ansteigt als sie rechts davon abfällt.
| Vorgang | Änderung von |
|---|---|
| Fusion D-T | von rund auf , also rund |
| Spaltung U-235 | von auf rund , also rund |
Die Fusion gewinnt also je Nukleon etwa viermal so viel.
🔴 Hinzu kommt der praktische Vorteil, dass der Brennstoff (Deuterium aus Meerwasser) praktisch unbegrenzt ist, während Uranvorkommen begrenzt sind.
c) Aus zwei unabhängigen Gründen physikalisch unmöglich:
1. Anreicherungsgrad. Eine nukleare Explosion braucht über . Reaktorbrennstoff hat bis . Damit lässt sich keine explosive Kettenreaktion aufbauen.
2. Zeitskala und Geometrie. Eine Explosion erfordert, dass die Kettenreaktion in Mikrosekunden lawinenartig wächst, was eine besondere Anordnung und sehr schnelle Zusammenführung erfordert. Ein Reaktor würde sich bei einem Leistungsanstieg vorher selbst zerlegen und die Reaktion damit beenden.
Was sehr wohl passieren kann: Kernschmelze durch Kühlungsausfall, Wasserstoffexplosionen und Dampfexplosionen. Die Explosionen in Fukushima 2011 waren Wasserstoffexplosionen; in Tschernobyl 1986 kam es zu einer Dampfexplosion und einem Graphitbrand.
🔴 Das ist keine Verharmlosung. Das eigentliche Risiko ist die Freisetzung Stoffe, nicht eine Explosionswirkung. Wer den Unterschied nicht kennt, kann weder Risiken noch Sicherheitsmaßnahmen richtig einordnen.
d) Nachzerfallswärme ist die , die die radioaktiven Spaltprodukte weiter erzeugen, nachdem die Kettenreaktion abgeschaltet wurde.
Sie beträgt unmittelbar nach dem Abschalten rund der Nennleistung, klingt dann ab, ist aber noch nach Tagen erheblich.
Zahlenbeispiel: Ein Reaktor mit elektrischer (rund thermisch) erzeugt nach dem Abschalten noch etwa Wärme, so viel wie ein mittelgroßes Heizkraftwerk.
Warum das gefährlich ist: Diese Wärme lässt sich nicht abschalten. Sie entsteht durch radioaktiven Zerfall, und der ist durch nichts beeinflussbar. Der Reaktor muss deshalb auch nach dem Abschalten über Tage und Wochen aktiv gekühlt werden.
Versagt die Kühlung, steigt die , bis die Brennstäbe schmelzen (Kernschmelze). Dabei kann Zirkonium mit Wasserdampf reagieren und Wasserstoff erzeugen, der explodiert.
🔴 Genau das geschah 2011 in Fukushima. Die Reaktoren waren beim Erdbeben ordnungsgemäß abgeschaltet worden; die Kettenreaktion war beendet. Der Tsunami zerstörte aber die Notstromversorgung und damit die Kühlung, und die Nachzerfallswärme führte in drei Blöcken zur Kernschmelze.
Die Lehre daraus: Ein Kernkraftwerk ist mit dem Abschalten nicht sicher. Es braucht über Wochen eine funktionierende Kühlung, und deren Ausfall ist das zentrale Sicherheitsproblem. Moderne Konzepte setzen deshalb auf passive Kühlung, die ohne Strom und ohne Pumpen allein durch Naturumlauf funktioniert.
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Hier wird jeder Schritt einzeln erklärt, vor allem, warum er gemacht wird.
✦ Empfohlen: Standard – Die normale Erklärungstiefe passt zum Einstieg.
- 1
Gegeben und Gesucht, vier Fragen zur Reaktortechnik
Diese Aufgabe rechnet nicht: Sie fragt nach der Anreicherung, nach dem Energievergleich von Fusion und Spaltung, nach der Explosionsfrage und nach der Nachzerfallswärme.
- 2
a) Warum Uran angereichert werden muss
Weil Natururan nur zu aus dem spaltbaren besteht. Der Rest ist , das langsame Neutronen einfängt, ohne sich zu spalten, bei diesem Anteil gehen zu viele Neutronen verloren, und eine Kettenreaktion kommt in üblichen Reaktoren nicht zustande. Man reichert deshalb auf bis an.
- 3
b) Warum die Fusion je Nukleon ergiebiger ist
Weil die Bindungsenergiekurve links vom Maximum steiler ansteigt als sie rechts davon abfällt: Die Fusion von Deuterium und Tritium führt von rund auf (Gewinn rund ), die Spaltung von von auf rund (Gewinn rund ).
- 4
c) Warum ein Kernkraftwerk nicht wie eine Atombombe explodieren kann
Aus zwei unabhängigen Gründen. 1. Anreicherungsgrad: Eine nukleare Explosion braucht über , Reaktorbrennstoff hat bis . 2. Zeitskala und Geometrie: Eine Explosion erfordert lawinenartiges Wachstum in Mikrosekunden; ein Reaktor würde sich bei einem Leistungsanstieg vorher selbst zerlegen und die Reaktion damit beenden.
- 5
d) Ergebnis deuten: Nachzerfallswärme und ihre Folgen
Nachzerfallswärme ist die Wärme, die die radioaktiven Spaltprodukte weiter erzeugen, nachdem die Kettenreaktion abgeschaltet wurde, unmittelbar nach dem Abschalten rund der Nennleistung, noch nach Tagen erheblich. Bei einem Reaktor mit thermischer Leistung sind das noch etwa .
Übung 3
schwera) Erkläre über die Bindungsenergiekurve, warum sowohl Spaltung als auch Fusion liefern.
b) Warum braucht die Fusion so hohe , die Spaltung aber nicht?
c) Warum funktioniert die Fusion in der Sonne bei nur Millionen Grad?
d) Wäge Chancen und Risiken der Kernenergie ab und begründe deine Position.
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b) Was muss überwunden werden?
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a) Die Regel: Energie wird frei, wenn die je Nukleon zunimmt.
Die Kurve hat ihr Maximum bei Eisen (, rund ). Von beiden Seiten führen Wege darauf zu:
Spaltung (rechts vom Maximum): hat , die Bruchstücke rund . Die Bruchstücke rücken auf der Kurve nach links und damit hinauf. Gewinn: rund je Nukleon, bei Nukleonen etwa .
Fusion (links vom Maximum): Deuterium und Tritium haben rund , Helium-4 hat . Das Produkt rückt nach rechts und damit ebenfalls hinauf. Gewinn: rund je Nukleon.
🔴 Entscheidend ist also nicht, ob man zusammenfügt oder zerlegt, sondern auf welcher Seite des Maximums man startet. Bei Eisen selbst liefert keines von beidem Energie.
b) Weil bei der Fusion die elektrische Abstoßung überwunden werden muss, bei der Spaltung nicht.
Fusion: Beide Reaktionspartner sind positiv geladen und stoßen sich ab. Damit die kurzreichweitige starke Kernkraft greifen kann, müssen sie sich auf rund nähern. Das erfordert enorme kinetische Energie, also Temperaturen über Millionen Grad.
Spaltung: Ausgelöst wird sie durch ein Neutron, und das ist ungeladen. Es spürt keine Abstoßung und kann sich dem Kern beliebig nähern, auch mit sehr geringer Energie.
🔴 Bemerkenswerterweise wirken langsame Neutronen sogar besser als schnelle. Sie halten sich länger in der Nähe des Kerns auf und werden deshalb wahrscheinlicher eingefangen. Genau deshalb braucht ein Reaktor einen Moderator zum Abbremsen.
Die Folge für die Technik: Die Spaltung lässt sich bei Zimmertemperatur auslösen und läuft in einem einfach gebauten Reaktor. Die Fusion erfordert Plasmatemperaturen und berührungslosen Einschluss. Deshalb gibt es seit 1954 Kernkraftwerke, aber bis heute kein Fusionskraftwerk.
c) Durch drei Umstände, die die niedrigere Temperatur ausgleichen:
1. Enorme . Der Sonnenkern hat rund , das Zehnfache von Blei. Bei so hoher Teilchendichte kommt es trotz geringerer oft genug zu Zusammenstößen.
2. Gravitativer Einschluss. Die Sonne hält sich durch ihre eigene Schwerkraft zusammen. Es gibt kein Gefäß, das versagen könnte, und der Einschluss ist praktisch unbegrenzt lang.
3. Der Tunneleffekt. Selbst bei Millionen Grad reicht die Energie der meisten Protonen klassisch nicht aus, um die Abstoßung zu überwinden. Quantenmechanisch können sie den Wall aber mit geringer Wahrscheinlichkeit durchtunneln. Ohne diesen Effekt würde die Sonne nicht brennen.
Der Preis dafür ist eine sehr geringe Rate. Die Leistungsdichte im Sonnenkern beträgt nur rund , weniger als in einem Komposthaufen. Erst das gewaltige Volumen ergibt die Gesamtleistung von .
🔴 Genau deshalb lässt sich das Vorbild nicht kopieren. Ein Reaktor mit der Leistungsdichte der Sonne müsste die Größe eines Sterns haben. Auf der Erde arbeitet man deshalb mit höheren Temperaturen und einer anderen Reaktion (Deuterium-Tritium statt Proton-Proton), um mit sehr viel weniger Material auszukommen.
Nebenbei erklärt die geringe Rate auch, warum die Sonne so langlebig ist: Ihr Brennstoff wird nur äußerst langsam verbraucht und reicht noch rund fünf Milliarden Jahre.
d) Diese Frage verlangt eine begründete Position, keine physikalische Wahrheit. Zuerst die Fakten:
Was für die Kernspaltung spricht:
- Sehr hohe Energiedichte: ein Gramm Uran entspricht rund drei Tonnen Kohle.
- Im Betrieb kein CO2-Ausstoß, damit ein Beitrag zum Klimaschutz.
- Grundlastfähig, also wetterunabhängig verfügbar, anders als Wind und Sonne.
- Geringer Flächenbedarf.
Was dagegen spricht:
- Langlebiger Abfall. Plutonium-239 hat eine von Jahren; sichere Lagerung über Hunderttausende Jahre ist nötig. Weltweit ist bislang kein Endlager in Betrieb.
- Unfallrisiko. Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 hatten weiträumige und langfristige Folgen. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, das Schadensausmaß aber sehr groß.
- Weiterverbreitung von Kernwaffen. Anreicherungs- und Wiederaufarbeitungstechnik ist militärisch nutzbar.
- Begrenzte Vorräte und Abhängigkeit von wenigen Lieferländern.
- Hohe Kosten für Bau, Rückbau und Endlagerung, die oft nicht vollständig eingepreist sind.
Was für die Fusion spricht: praktisch unbegrenzter Brennstoff, kein langlebiger hochradioaktiver Abfall, keine Kettenreaktion und damit kein Unfall dieser Art. Dagegen: technisch noch nicht verfügbar, frühestens in der zweiten Jahrhunderthälfte, mit ungelösten Materialfragen.
🔴 Zur Rollenklärung: Die Physik liefert Energiedichten, Halbwertszeiten, Unfallwahrscheinlichkeiten und Schadensabschätzungen. Sie kann aber nicht entscheiden, wie man ein kleines Risiko mit sehr großem Schadensausmaß gegen ein großes Risiko mit verteiltem Schaden (Klimawandel) abwägt, und ob man kommenden Generationen ein Endlager zumuten darf.
Das sind Wertentscheidungen, die eine Gesellschaft treffen muss. Verschiedene Länder haben sie unterschiedlich getroffen: Deutschland hat 2023 ausgestiegen, Frankreich baut aus, China erweitert stark.
Was eine gute Position ausmacht: Sie nennt die Zahlen, benennt die Unsicherheiten, macht die eigenen Wertungen kenntlich und verwechselt sie nicht mit Physik. Wer behauptet, die Physik entscheide die Frage, überschreitet die Grenzen des Fachs, in welche Richtung auch immer.
Detaillierte Schritterklärung anzeigen
Hier wird jeder Schritt einzeln erklärt, vor allem, warum er gemacht wird.
✦ Empfohlen: Standard – Die normale Erklärungstiefe passt zum Einstieg.
- 1
Gegeben und Gesucht: Kurve, Temperaturen, Sonne und eine Abwägung
Diese Aufgabe verlangt Begründungen: warum beide Wege Energie liefern, warum nur die Fusion hohe Temperaturen braucht, warum die Sonne trotzdem bei Millionen Grad arbeitet und wie man Chancen und Risiken der Kernenergie abwägt.
- 2
a) Die Bindungsenergiekurve als gemeinsame Erklärung
Die Regel: Energie wird frei, wenn die Bindungsenergie je Nukleon zunimmt. Die Kurve hat ihr Maximum bei Eisen (, rund ). Spaltung: mit , Bruchstücke rund : Gewinn rund , bei Nukleonen etwa . Fusion: von rund auf : Gewinn rund .
- 3
b) Warum nur die Fusion hohe Temperaturen braucht
Weil bei der Fusion die elektrische Abstoßung überwunden werden muss, bei der Spaltung nicht. Fusion: Beide Partner sind positiv geladen und müssen sich auf rund nähern, damit die kurzreichweitige Kernkraft greift, das verlangt Temperaturen über Millionen Grad. Spaltung: Ausgelöst wird sie durch ein Neutron, und das ist ungeladen.
- 4
c) Warum die Sonne bei 15 Millionen Grad fusioniert
Durch drei Umstände. 1. Enorme Dichte: Der Sonnenkern hat rund , das Zehnfache von Blei. 2. Gravitativer Einschluss: Kein Gefäß kann versagen, und der Einschluss ist praktisch unbegrenzt lang. 3. Der Tunneleffekt: Klassisch reicht die Energie der meisten Protonen nicht aus, quantenmechanisch können sie den Wall aber mit geringer Wahrscheinlichkeit durchtunneln.
- 5
d) Ergebnis deuten: was die Physik zur Abwägung beitragen kann
Für die Spaltung: hohe Energiedichte (ein Gramm Uran entspricht rund drei Tonnen Kohle), im Betrieb kein CO2-Ausstoß, grundlastfähig, geringer Flächenbedarf. Dagegen: langlebiger Abfall (Plutonium-239 mit Jahren Halbwertszeit, weltweit kein Endlager in Betrieb), Unfallrisiko mit großem Schadensausmaß, Weiterverbreitung von Kernwaffen, begrenzte Vorräte, hohe Kosten für Bau, Rückbau und Endlagerung.
Zusammenfassung
Bei der Kernspaltung zerfällt ein Uran-235-Kern nach Einfang eines langsamen Neutrons in zwei mittelschwere Bruchstücke und setzt dabei rund zweihundert Megaelektronenvolt frei, weil die je Nukleon zunimmt. Da zugleich mehrere neue Neutronen entstehen, kann eine Kettenreaktion ablaufen, die über den Multiplikationsfaktor gesteuert wird und im Kraftwerk bei genau eins gehalten wird; nötig sind dafür angereichertes Uran, ein Moderator zum Abbremsen der Neutronen und Steuerstäbe. Die Kernfusion leichter Kerne liefert je Nukleon rund viermal mehr , verlangt aber über hundert Millionen Grad, weil die elektrische Abstoßung der positiv geladenen Kerne überwunden werden muss. In der Sonne gelingt das bei geringerer Temperatur nur durch enorme , gravitativen Einschluss und den Tunneleffekt, was sich auf der Erde nicht nachbauen lässt. Die Abwägung zwischen hoher Energiedichte einerseits und langlebigem Abfall sowie Unfallrisiken andererseits ist dabei keine physikalische, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung.


