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Magdeburger Halbkugeln

Historisches ExperimentMechanikKlasse 7–8Grundlagen

Worum geht es?

Wir leben am Grund eines Luftmeers, das mit gut 10 N10\ \mathrm{N} auf jeden Quadratzentimeter drückt, auf uns genauso wie auf jede Tischplatte. Dass wir davon nichts spüren, liegt daran, dass die Luft von allen Seiten und auch aus unserem Inneren dagegenhält. Guerickes Versuch hebelt dieses Gleichgewicht aus: Aus zwei aufeinandergelegten Halbkugeln wird die Luft herausgepumpt. Von außen drückt das Luftmeer die Schalen zusammen, von innen fehlt der Gegendruck, und plötzlich wird aus der unsichtbaren Alltäglichkeit eine , gegen die Menschen und selbst Pferdegespanne verlieren.

Warum macht man dieses Experiment?

Im 17. Jahrhundert war die Frage nach dem leeren Raum eine Grundsatzfrage. Die Schultradition lehrte mit Aristoteles, ein Vakuum könne es nicht geben, die Natur "scheue die Leere" (horror vacui); damit erklärte man etwa, warum Wasser in einer Saugpumpe aufsteigt. Torricelli und Pascal hatten dieser Deutung bereits die entscheidenden Messungen entgegengesetzt. Guericke lieferte den Schlussstein: Er stellte Vakuum selbst her, führte es öffentlich vor und machte die des Luftdrucks so drastisch sichtbar, dass die alte Lehre vor aller Augen scheiterte. Kaum ein der Physikgeschichte hat eine abstrakte Streitfrage so wirkungsvoll entschieden.

Die physikalische Idee

Wenn Luft wirklich drückt, muss sich diese zeigen lassen, sobald man ihren Gegenspieler entfernt. Zwei dicht aufeinanderliegende Halbkugeln werden von der Außenluft von allen Seiten zusammengedrückt; solange innen ebenfalls Luft ist, heben sich die Kräfte auf. Pumpt man die Innenluft ab, bleibt die Außenkraft ohne Gegner übrig, und ihre Größe lässt sich sogar vorhersagen: Druckunterschied mal wirksame Fläche, F=Δp⋅AF = \Delta p \cdot A. Der Versuch macht den Luftdruck damit nicht nur sichtbar, sondern berechenbar.

Benötigtes Vorwissen

Für dieses Experiment hilft dir dieses Vorwissen. Du kannst es jederzeit nachschlagen — das Experiment bleibt auch so verständlich.

Historische Einordnung

Otto von Guericke (1602–1686) war Ingenieur, Diplomat und über Jahrzehnte Bürgermeister von Magdeburg, einer Stadt, die im Dreißigjährigen Krieg fast vollständig zerstört worden war. Seine Vakuumforschung betrieb er als wohlhabender Privatgelehrter neben dem Amt. Ab etwa 1649 entwickelte er die ersten brauchbaren Luftpumpen und führte seine Versuche in den 1650er Jahren mehrfach öffentlich vor, unter anderem 1654 am Rande des Reichstags zu Regensburg vor Kaiser Ferdinand III. Die erste gedruckte Beschreibung der Versuche stammt von dem Jesuiten Caspar Schott (1657); Guerickes eigenes Hauptwerk, die Experimenta Nova Magdeburgica, erschien erst 1672 in Amsterdam.

Otto von Guericke (1602–1686)

Entwickelte die ersten brauchbaren Luftpumpen, führte die Halbkugelversuche in den 1650er Jahren öffentlich vor und beschrieb sie 1672 in den Experimenta Nova Magdeburgica.

Caspar Schott (1608–1666)

Jesuit und Professor in Würzburg; veröffentlichte 1657 die erste gedruckte Beschreibung der Magdeburger Versuche und machte sie damit in Europa bekannt.

Evangelista Torricelli (1608–1647)

Schuf 1643/44 mit dem Quecksilberrohr das erste dauerhafte Vakuum und deutete die getragene Säule als Wirkung des Luftdrucks, die messende Grundlage, auf der Guericke aufbaute.

Blaise Pascal (1623–1662)

Veranlasste 1648 die Messung am Puy de Dôme, die den Luftdruck als Schweredruck des Luftmeers bestätigte: mit der Höhe sinkt die Quecksilbersäule.

Was wusste man damals?

Was war um 1650 bekannt, und worüber wurde gestritten?

  • Die alte Lehre. Nach Aristoteles kann es keinen leeren Raum geben; die Natur verhindere ihn aktiv. Mit diesem horror vacui erklärte man, warum Saugpumpen Wasser heben, und die Lehre galt an den Universitäten als ausgemacht.
  • Ein bekanntes Rätsel. Brunnenbauer wussten längst: Keine Saugpumpe hebt Wasser höher als etwa zehn Meter. Wenn die Natur die Leere grenzenlos scheute, dürfte es diese Grenze nicht geben.
  • Torricellis (1643/44). Ein einseitig verschlossenes, mit Quecksilber gefülltes Glasrohr, umgestülpt in eine Quecksilberschale, hält eine Säule von etwa 76 cm76\ \mathrm{cm}; darüber bleibt ein leerer Raum. Torricellis Deutung: Das Gewicht der Außenluft trägt die Säule, wir leben "am Grund eines Meeres aus Luft".
  • Pascals Gegenprobe (1648). Auf Pascals Anregung trug sein Schwager Périer ein solches Rohr auf den Berg Puy de Dôme: Mit der Höhe sank die Säule messbar. Der Luftdruck ist also ein Schweredruck, oben auf dem Luftmeer ist er kleiner.

Damit war die neue Deutung stark, aber sie stützte sich auf Glasröhrchen und Millimeterablesungen. Was fehlte, war ein Experiment, das die des Luftdrucks unübersehbar machte, und die Fähigkeit, Vakuum in größeren Gefäßen gezielt herzustellen.

Die wissenschaftliche Fragestellung

Guerickes Fragen setzten dort an, wo Röhrchenversuche nicht hinreichten:

  1. Lässt sich leerer Raum technisch herstellen, nicht nur als Restraum über einer Quecksilbersäule, sondern in einem großen Gefäß, mit dem man weiter experimentieren kann?
  2. Wie groß ist die , mit der die Außenluft auf die Wände eines evakuierten Gefäßes drückt, und stimmt sie mit der Deutung des Luftdrucks als Schweredruck des Luftmeers zusammen?

Die Idee hinter dem Experiment

Die experimentelle Idee hat zwei Bausteine:

  • Eine Maschine gegen die Leere-Scheu. Guericke baute Kolbenpumpen mit Ventilen, die Luft aus einem Gefäß Hub für Hub herausschaffen. Schon das war ein Angriff auf die alte Lehre: Wenn sich Vakuum einfach herstellen lässt, kann die Natur es nicht grundsätzlich verhindern.
  • Die als Wettkampf. Zwei genau aufeinandergepasste Halbkugeln ohne jede Verbindung werden evakuiert. Trennen kann sie nur, wer die Druckkraft der gesamten Außenluft auf die Querschnittsfläche überwindet. Guericke ließ Gespanne von Pferden gegeneinander ziehen: ein Kraftmesser, den jeder Zuschauer versteht. Die Vorhersage dahinter ist die heutige Formel F=Δp⋅AF = \Delta p \cdot A: Je größer die Kugeln, desto hoffnungsloser der Kampf.

Die historische Durchführung

Wie die historischen Vorführungen abliefen, beschreibt Guericke selbst in den Experimenta Nova:

  1. Vorbereitung. Zwei Kupferhalbkugeln von etwa 40 cm40\ \mathrm{cm} Durchmesser wurden mit einem eingefetteten Lederring gedichtet und aufeinandergesetzt; an einer Halbkugel saß ein Ventil für die Pumpe, an beiden Ösen für die Zuggeschirre.
  2. Evakuieren. Mit der Kolbenpumpe wurde die Luft herausgepumpt, harte körperliche über viele Pumpenhübe. Die Halbkugeln hielten danach ohne jede mechanische Verbindung zusammen.
  3. Die Kraftprobe. Pferdegespanne wurden an beide Seiten gespannt und zogen gegeneinander; nach Guerickes Darstellung der Magdeburger Vorführung von 1656 je acht Pferde auf jeder Seite, ohne die Kugeln zu trennen. Öffnete man dagegen das Belüftungsventil, fielen die Halbkugeln von selbst auseinander.
  4. Weitere Vakuumversuche. Guericke zeigte mit denselben Pumpen, dass im evakuierten Gefäß eine Glocke unhörbar wird und eine Kerze erlischt, und dass ein Kolben, den viele Männer halten, vom Luftdruck hineingedrückt wird, sobald man den Zylinder evakuiert.

Beobachtung und damalige Interpretation

Was wurde beobachtet? Evakuierte Halbkugeln ohne jede Verbindung widerstehen Zugkräften, an denen Gespanne scheitern; belüftet fallen sie von selbst auseinander. Im evakuierten Gefäß erlischt Kerzenlicht, Schall wird unhörbar, und Tiere können nicht überleben, während Licht hindurchgeht und ein Magnet durch die Wand hindurch wirkt.

Wie wurde das gedeutet? Für Guericke und seine Zeitgenossen der neuen Schule war der Fall klar: Nicht eine geheimnisvolle Scheu der Natur hält die Kugeln zusammen, sondern die drückende Außenluft, deren Gegenspieler entfernt wurde. Der leere Raum selbst ist passiv; er zieht nicht, er lässt nur nichts dagegenhalten. Dass die mit der Kugelgröße wächst und beim Belüften schlagartig verschwindet, passte quantitativ und qualitativ zur Deutung des Luftdrucks als Schweredruck des Luftmeers.

Die Gegenposition verlor damit ihren Halt: Ein horror vacui, der sich durch einige Pumpenhübe überlisten lässt und dessen "Widerstand" exakt der Druckformel folgt, erklärt nichts mehr. Die aristotelische Vakuumlehre verschwand innerhalb einer Generation aus der ernsthaften Debatte.

Zeitleiste

  1. 4. Jh. v. Chr.

    Horror vacui

    Aristoteles verneint die Möglichkeit leeren Raums; die Lehre von der Leere-Scheu der Natur prägt das Denken bis in die Frühe Neuzeit.

  2. 1643/44

    Torricellis Quecksilberrohr

    Die Säule bleibt bei etwa 76 cm76\ \mathrm{cm} stehen, darüber entsteht leerer Raum. Torricelli deutet: Das Gewicht der Außenluft trägt die Säule.

  3. 1648

    Messung am Puy de Dôme

    Auf dem Berg ist die Quecksilbersäule messbar kürzer als im Tal. Der Luftdruck ist ein Schweredruck; oben auf dem Luftmeer drückt weniger Luft.

  4. um 1649

    Guerickes Luftpumpen

    Guericke entwickelt Kolbenpumpen mit Ventilen, die große Gefäße evakuieren können, die Geburtsstunde der Vakuumtechnik.

  5. 1654

    Vorführungen in Regensburg

    Am Rande des Reichstags zeigt Guericke Vakuumversuche vor Kaiser Ferdinand III., darunter den Kolben, den viele Männer nicht gegen den Luftdruck halten können.

  6. 1656/57

    Halbkugeln und Erstbeschreibung

    Nach Guerickes eigener Darstellung scheitern in Magdeburg zwei Achtergespanne an den evakuierten Halbkugeln; Caspar Schott druckt 1657 die erste Beschreibung der Versuche.

  7. 1660/62

    Boyle und das Gasgesetz

    Boyle und Hooke verbessern Guerickes Pumpe; aus den Messungen an eingeschlossener Luft entsteht das Gesetz p⋅V=konstantp \cdot V = \text{konstant}.

  8. 1672

    Experimenta Nova Magdeburgica

    Guerickes Hauptwerk erscheint in Amsterdam: die eigene, ausführliche Darstellung der Pumpen, der Halbkugeln und der übrigen Vakuumversuche.

Die schulische Betrachtung: Versuchsziel

Aktuelles Versuchsziel

Die Kraft der Luft: Haltekraft der Halbkugeln bestimmen

Bestimme die FF, mit der die Außenluft die evakuierten Modellhalbkugeln zusammendrückt: erst als Vorhersage aus Druckunterschied und Fläche (F=Δp⋅AF = \Delta p \cdot A), dann als Kraftprobe von Hand. Nebenbei wird Guerickes historische Vorführung nachvollziehbar: Dieselbe Rechnung, auf seine Kugelgröße angewandt, erklärt, warum Pferdegespanne scheitern mussten.

Gesucht

  • — Haltekraft der Halbkugeln (in )

    Die Kraft, die zum Trennen der Halbkugeln mindestens nötig ist. Sie wird nicht direkt gemessen, sondern aus Druckunterschied und Fläche berechnet und anschließend durch die Kraftprobe plausibilisiert.

Gemessen

  • — Druckunterschied innen/außen (in )

    Am Manometer der Handpumpe abgelesen (Anzeige −0,80 bar-0{,}80\ \mathrm{bar} bedeutet: innen 0,80 bar0{,}80\ \mathrm{bar} weniger als außen, also Δp=0,80⋅105 Pa\Delta p = 0{,}80 \cdot 10^5\ \mathrm{Pa}).

  • — Innendurchmesser der Dichtfläche (in )

    Einmal mit dem Messschieber bestimmt. Er legt die wirksame Kreisfläche fest, auf der der Druckunterschied angreift.

Berechnet

  • — Wirksame Querschnittsfläche (in )

    Zwischengröße A=π⋅(d/2)2A = \pi \cdot (d/2)^2. Wirksam ist die ebene Kreisfläche der Dichtung, nicht die gewölbte Halbkugeloberfläche; die seitlichen Druckanteile heben sich auf.

Der Weg von der Messung zum Ergebnis:

Für diese Zielsetzung brauchst du:

  • Die Druckdefinition, hier nach der Kraft aufgelöst: F=Δp⋅AF = \Delta p \cdot A ist die Auswertungsformel des Versuchs.Zur Formelsammlung

Versuchsprotokoll

So ist ein physikalisches Versuchsprotokoll aufgebaut. Die Reihenfolge ist immer dieselbe — die Inhalte gehören zu deinem gewählten Versuchsziel.

1Aufgabenstellung

Die Modellhalbkugeln (d=10,0 cmd = 10{,}0\ \mathrm{cm} Innendurchmesser der Dichtfläche) werden mit der Handpumpe evakuiert; das Manometer zeigt −0,80 bar-0{,}80\ \mathrm{bar}. Berechne die Haltekraft, prüfe die Größenordnung durch eine Kraftprobe und übertrage die Rechnung anschließend auf Guerickes Originalkugeln (d≈0,4 md \approx 0{,}4\ \mathrm{m}, nahezu volles Vakuum).

2Vorbetrachtung

Die Situation durchdenken, bevor gepumpt wird. Vor dem Abpumpen herrscht innen und außen derselbe Luftdruck von rund 1,0 bar=1,0⋅105 Pa1{,}0\ \mathrm{bar} = 1{,}0 \cdot 10^5\ \mathrm{Pa}. Auf jedes Flächenstück der Schalen drückt die Außenluft nach innen und die Innenluft gleich stark nach außen; die Halbkugeln liegen kräftefrei aufeinander und fallen bei der kleinsten Berührung auseinander.

Das Abpumpen ändert nur eine Seite dieser Bilanz: Der Außendruck bleibt, der Innendruck sinkt. Übrig bleibt eine Nettokraft nach innen, deren Größe der Druckunterschied mal der wirksamen Fläche ist.

Warum AA die Kreisfläche ist und nicht die Kugeloberfläche

  1. Der wirkt an jeder Stelle senkrecht auf die gewölbte Schale, die zeigen also in viele verschiedene Richtungen. Zum Auseinanderziehen zählt aber nur, was entlang der Zugrichtung wirkt.

  2. Die seitlichen Anteile heben sich paarweise auf: Was oben schräg nach unten drückt, gleicht unten ein spiegelbildlicher Anteil aus. Wirksam bleibt nur der Anteil entlang der Achse.

  3. Summiert man diese Achsanteile über die ganze Halbkugel, kommt genau das heraus, was der Druck auf die ebene Querschnittsfläche der Öffnung leisten würde. Deshalb gilt:

  4. Anschaulich: Die Halbkugeln verhalten sich beim Ziehen so, als müsste man eine kreisrunde Platte dieser Größe gegen den Druckunterschied abheben. Die Wölbung macht den Versuch eindrucksvoll, aber nicht stärker.

3Geräte / Stoffe

Die Geräteliste des Grundaufbaus gilt vollständig; dazu kommt der Federkraftmesser für die Kraftprobe. Vor dem Versuch den Dichtring prüfen und dünn einfetten: Eine undichte Stelle lässt den Unterdruck während der Messung davonlaufen.

  • Zwei Modellhalbkugeln mit Dichtring und Griffen

    Bilden zusammengesetzt einen abgeschlossenen Hohlraum, aus dem die Luft entfernt werden kann. Der Dichtring verhindert, dass Außenluft in den Spalt nachströmt.

  • Handvakuumpumpe mit Manometer

    Pumpt die Innenluft ab und zeigt zugleich den erreichten Unterdruck an. Das Manometer liefert den Messwert Δp\Delta p, aus dem die Haltekraft berechnet wird.

  • Absperrventil

    Hält das Teilvakuum nach dem Abpumpen und erlaubt am Ende das kontrollierte Belüften, mit dem sich die Halbkugeln wieder mühelos trennen lassen.

  • Messschieber oder Lineal

    Misst den Innendurchmesser dd der Dichtfläche; daraus folgt die wirksame Kreisfläche A=π⋅(d/2)2A = \pi \cdot (d/2)^2.

  • Federkraftmesser (großer Messbereich) oder Massestücke mit Haken

    Für die Größenordnungs-Probe: Bis zu welcher Zugkraft halten die Halbkugeln nachweislich zusammen? Ein vollständiges Ausmessen bis zum Trennen ist bei kräftigem Vakuum bewusst nicht vorgesehen.

4Skizze des Versuchsaufbaus

Die Skizze zeigt die zusammengesetzten Halbkugeln im Schnitt: außen die Druckpfeile der Luft von allen Seiten nach innen, im Innenraum wenige Teilchen (Teilvakuum), am Ventil die Pumpe. Eingezeichnet werden dd an der Dichtfläche und die beiden Zugrichtungen an den Griffen.

Druck ist die Summe unzähliger StößeGleich viele Teilchen, gleiches Volumen, andere Temperatur.300 K1,0 bar600 K2,0 barDie Striche rechts stehen für den Druck auf die Wand.Nicht mehr Teilchen, sondern schnellere Teilchen

Woher die kommt: Luftteilchen prasseln unablässig gegen jede Wand, jeder Aufprall überträgt einen winzigen Stoß, und die Summe dieser Stöße ist der Luftdruck. Auf jeden Quadratzentimeter drückt die Außenluft mit rund 10 N10\ \mathrm{N}, also dem Gewicht einer Tafel Schokolade. Erst wenn innen die Gegenstöße fehlen, wird diese Kraft spürbar.

Der schulische Aufbau besteht aus zwei Modellhalbkugeln aus Metall oder Kunststoff (Durchmesser rund 10 cm10\ \mathrm{cm}), deren Ränder mit einem Dichtring aufeinanderliegen, einem Absperrventil an einer der Halbkugeln und einer Handvakuumpumpe mit Manometer. Zusammengesetzt und evakuiert lassen sich die Halbkugeln an zwei Griffen auseinanderziehen, oder eben nicht.

Wichtig für das Verständnis: Es gibt keinen Klebstoff, keinen Magneten, keine Verriegelung. Solange innen und außen derselbe herrscht, fallen die Halbkugeln von selbst auseinander. Erst das Abpumpen der Innenluft erzeugt den Unterschied, um den sich alles dreht: Außen stoßen weiter Luftteilchen gegen die Schalen, innen fehlen die Gegenstöße.

5Durchführung

Schritt 1: Zusammensetzen und Nullprobe. Halbkugeln mit Dichtring aufeinandersetzen und ohne Pumpen auseinandernehmen: Sie trennen sich mühelos. Diese Nullprobe gehört zum Versuch, denn sie zeigt, dass keine Mechanik die Kugeln hält.

Schritt 2: Evakuieren. Mit der Handpumpe abpumpen, bis das Manometer −0,80 bar-0{,}80\ \mathrm{bar} zeigt, dann das Ventil schließen und den Wert notieren.

Schritt 3: Kraftprobe. Zwei Personen ziehen an den Griffen, erst vorsichtig, dann kräftig. Anschließend mit dem Federkraftmesser dokumentieren, bis zu welcher Zugkraft die Kugeln sicher zusammenhalten (im Beispiel: bei 100 N100\ \mathrm{N} Zug keinerlei Anzeichen einer Trennung).

Schritt 4: Belüften. Das Ventil langsam öffnen. Die Halbkugeln fallen praktisch von selbst auseinander, derselbe Handgriff, mit dem auch Guericke seine Vorführungen auflöste.

6Beobachtung

Ohne Unterdruck fallen die Halbkugeln auseinander, sobald man sie loslässt. Nach dem Abpumpen sitzen sie wie verschweißt: Kräftiges Ziehen zweier Personen bewegt nichts, der Federkraftmesser zeigt bei der dokumentierten Probe 100 N100\ \mathrm{N} ohne jede Wirkung. Nach dem Belüften genügt die kleinste Berührung zum Trennen. Zwischen "unlösbar" und "lose" liegt nichts als das Öffnen eines Ventils.

7Auswertung

Schritt 1: Wirksame Fläche. Zuerst die Einheiten: d=10,0 cm=0,100 md = 10{,}0\ \mathrm{cm} = 0{,}100\ \mathrm{m}.

A=π⋅(d2)2=π⋅(0,050 m)2=7,85⋅10−3 m2A = \pi \cdot \left(\frac{d}{2}\right)^2 = \pi \cdot (0{,}050\ \mathrm{m})^2 = 7{,}85 \cdot 10^{-3}\ \mathrm{m^2}

Schritt 2: Haltekraft der Modellkugeln. Das Manometer liefert Δp=0,80 bar=0,80⋅105 Pa\Delta p = 0{,}80\ \mathrm{bar} = 0{,}80 \cdot 10^5\ \mathrm{Pa}:

F=Δp⋅A=0,80⋅105 Pa⋅7,85⋅10−3 m2≈6,3⋅102 NF = \Delta p \cdot A = 0{,}80 \cdot 10^5\ \mathrm{Pa} \cdot 7{,}85 \cdot 10^{-3}\ \mathrm{m^2} \approx 6{,}3 \cdot 10^2\ \mathrm{N}

(Zur Einheit: Pa⋅m2=Nm2⋅m2=N\mathrm{Pa \cdot m^2} = \mathrm{\tfrac{N}{m^2} \cdot m^2} = \mathrm{N}.) Rund 630 N630\ \mathrm{N} entsprechen der von etwa 64 kg64\ \mathrm{kg}: Die Kugeln könnten eine erwachsene Person tragen. Dass die Kraftprobe mit 100 N100\ \mathrm{N} nichts bewegt hat, passt dazu; sie schöpfte nur ein Sechstel der Haltekraft aus.

Schritt 3: Guerickes Maßstab (Abschätzung mit heutigen Werten). Für die Originalkugeln mit d≈0,4 md \approx 0{,}4\ \mathrm{m} und nahezu vollem Vakuum (Δp≈1,0⋅105 Pa\Delta p \approx 1{,}0 \cdot 10^5\ \mathrm{Pa}):

F≈1,0⋅105 Pa⋅π⋅(0,20 m)2≈1,3⋅104 NF \approx 1{,}0 \cdot 10^5\ \mathrm{Pa} \cdot \pi \cdot (0{,}20\ \mathrm{m})^2 \approx 1{,}3 \cdot 10^4\ \mathrm{N}

Etwa 13 kN13\ \mathrm{kN}, die Gewichtskraft von über einer Tonne. Ein Pferd zieht im Dauerzug nur einige hundert Newton; damit ist ohne jede weitere Annahme klar, warum die Gespanne scheiterten und warum Guericke große Kugeln wählte: Die wächst mit d2d^2.

8Fazit

Aus Druckunterschied und Dichtflächen-Durchmesser ergibt sich die Haltekraft der Modellhalbkugeln zu F=Δp⋅A≈630 NF = \Delta p \cdot A \approx 630\ \mathrm{N}; die Kraftprobe bestätigt die Größenordnung (bei 100 N100\ \mathrm{N} keinerlei Trennung, Belüften löst alles). Dieselbe Rechnung erklärt mit ≈13 kN\approx 13\ \mathrm{kN} die historische Vorführung. Die Fragestellung ist damit doppelt beantwortet: Die Außenluft drückt mit einer berechenbaren, überraschend großen , und Guerickes Pferde hatten nie eine Chance.

9Fehlerbetrachtung

Die Unsicherheiten dieses Versuchs stecken fast vollständig im Druckwert und in der Dichtheit; die Flächenmessung ist vergleichsweise unkritisch.

Manometer zeigt den Druckunterschied nur grobeher zufällig

Ursache

Handpumpen-Manometer sind einfache Anzeigen mit grober Skala und Nullpunktfehler; zudem schwankt der tatsächliche Außendruck mit dem Wetter um einige Prozent.

Auswirkung

FF übernimmt den relativen Fehler von Δp\Delta p eins zu eins; bei ±0,05 bar\pm 0{,}05\ \mathrm{bar} Ablesefehler sind das gut 6 %6\ \% der berechneten Haltekraft.

Verbesserung

Skala senkrecht und parallaxenfrei ablesen, Nullstellung vor dem Pumpen prüfen; wenn vorhanden, ein separates Digitalmanometer anschließen.

Undichtigkeit während der Messungeher systematisch

Ursache

Ein schlecht gefetteter Dichtring oder ein nicht ganz geschlossenes Ventil lässt Außenluft nachströmen; der Unterdruck sinkt zwischen Ablesung und Kraftprobe.

Auswirkung

Die berechnete gilt für einen Δp\Delta p-Wert, der zum Zeitpunkt der Probe schon nicht mehr stimmt; die Haltekraft wird überschätzt, ohne dass man es der Rechnung ansieht.

Verbesserung

Dichtring fetten, Ventil fest schließen und die Manometeranzeige eine Minute lang beobachten: Erst wenn sie steht, wird gemessen.

Wirksamer Durchmesser falsch angesetzteher systematisch

Ursache

Gemessen wird versehentlich der Außendurchmesser der Kugeln statt des Innendurchmessers der Dichtfläche, auf der der Druckunterschied tatsächlich angreift.

Auswirkung

Da FF mit d2d^2 geht, schlägt ein um 10 %10\ \% zu großer Durchmesser als gut 20 %20\ \% zu große durch, ein rein systematischer Fehler der Auswertung.

Verbesserung

Innendurchmesser der Dichtung mit dem Messschieber bestimmen (bei zerlegtem Aufbau) und in der Skizze eindeutig kennzeichnen, welcher Durchmesser gemeint ist.

Warum ist dieses Experiment wichtig?

Die Bedeutung reicht weit über den Schaueffekt hinaus:

  1. Eine Grundsatzfrage wurde experimentell entschieden. Ob leerer Raum möglich ist, war fast zwei Jahrtausende lang eine philosophische Streitfrage gewesen. Nach Guericke war sie eine Tatsachenfrage mit gemessener Antwort.
  2. Der Luftdruck wurde greifbar. Die Halbkugeln übersetzten Torricellis Millimeterablesung in eine , die jeder sehen und niemand wegdiskutieren konnte. Bis heute ist der Versuch das Standardbild für den des Luftmeers.
  3. Die Vakuumtechnik begann. Guerickes Pumpen waren die ersten ihrer Art. Robert Boyle und Robert Hooke bauten sie nach und verbesserten sie, und aus den Versuchen am evakuierten Gefäß entstand binnen weniger Jahre das Gasgesetz von Boyle und Mariotte. Ohne Vakuumtechnik gäbe es später weder Glühlampe noch Elektronenröhre noch Teilchenbeschleuniger.

Was kam danach?

Aus dem Schauversuch wurde ein Werkzeug. Boyle und Hooke veröffentlichten 1660 ihre Versuche mit einer verbesserten Pumpe, 1662 folgte das Gesetz p⋅V=konstantp \cdot V = \text{konstant} für eingeschlossene Luft. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Vakuumpumpen zu Präzisionsinstrumenten; Entladungsröhren im Vakuum führten zur Entdeckung der Kathodenstrahlen, des Elektrons und der Röntgenstrahlung. Heute gehören Hochvakuumanlagen zur Grundausstattung von Forschung und Industrie, von der Chipfertigung bis zum Beschleunigerring, und die Internationale Raumstation nutzt dauerhaft das beste "Labor-Vakuum" überhaupt: den Weltraum selbst.

Wie verstehen wir das Experiment heute?

Aus heutiger Sicht sind zwei Präzisierungen wichtig, die Guericke noch nicht formulieren konnte:

  • "Vakuum" ist immer Teilvakuum. Auch Guerickes beste Pumpen ließen Restluft zurück, und selbst modernste Anlagen erreichen nur extrem verdünnte, nie perfekt leere Räume. An der Deutung ändert das nichts: Entscheidend ist der Druckunterschied, und der war bei Guericke groß genug für Pferdegespanne.
  • Das Teilchenbild erklärt den vollständig. Was im 17. Jahrhundert "Gewicht und Federkraft der Luft" hieß, ist heute die kinetische Gastheorie: Luftteilchen stoßen unablässig gegen jede Fläche, und Druck ist die mittlere Wirkung dieser Stöße. Damit ist auch präzise begründet, warum das Vakuum nicht zieht; es gibt dort schlicht keine Teilchen, die stoßen könnten. Die Formel F=Δp⋅AF = \Delta p \cdot A, mit der die Schulvariante rechnet, ist die direkte Erbin von Guerickes Kraftprobe.

Quellen

Die historischen Aussagen dieser Seite stützen sich auf die folgenden Quellen. Die Darstellung ist eigenständig didaktisch aufbereitet und keine Übernahme der Texte.

  • Experimenta Nova (ut vocantur) Magdeburgica de Vacuo Spatio — Otto von Guericke (1672), Janssonius van Waesberge, Amsterdam
  • Mechanica hydraulico-pneumatica (erste gedruckte Beschreibung der Magdeburger Versuche) — Caspar Schott (1657), Würzburg
  • Brief an Michelangelo Ricci über das Quecksilberexperiment — Evangelista Torricelli (1644), Florenz; abgedruckt in den Opere di Evangelista Torricelli
  • Récit de la grande expérience de l'équilibre des liqueurs (Bericht vom Puy de Dôme) — Blaise Pascal / Florin Périer (1648), Paris
  • Otto-von-Guericke-Museum in der Lukasklause, Magdeburg, Otto-von-Guericke-Gesellschaft e. V. Zur Quelle

Das Wichtigste

Historische Frage

Kann es leeren Raum geben, und was hält die Dinge zusammen, wenn man ihn herstellt? Die Schultradition verneinte das Vakuum seit Aristoteles grundsätzlich.

Idee

Den Gegenspieler des Luftdrucks entfernen: Aus zwei Halbkugeln wird die Luft gepumpt. Außen drückt das Luftmeer weiter, innen fehlt der Gegendruck, und die Haltekraft F=Δp⋅AF = \Delta p \cdot A wird erlebbar und berechenbar.

Zentrale Physik

Nicht das Vakuum "zieht", sondern die Außenluft drückt. Wirksam ist dabei die Querschnittsfläche der Dichtung (A=πr2A = \pi r^2), nicht die gewölbte Oberfläche; die seitlichen Druckanteile heben sich gegenseitig auf.

Historisches Ergebnis

Guericke stellte mit selbstgebauten Kolbenpumpen erstmals technisch ein Vakuum her und zeigte öffentlich, dass Pferdegespanne evakuierte Halbkugeln nicht trennen können. Der horror vacui war damit als Erklärung erledigt.

Größenordnung (heutige Abschätzung)

Original mit d≈0,4 md \approx 0{,}4\ \mathrm{m} und vollem Vakuum: F≈13 kNF \approx 13\ \mathrm{kN}, so viel wie die von über einer Tonne. Schulmodell mit d=10 cmd = 10\ \mathrm{cm} und Δp=0,8 bar\Delta p = 0{,}8\ \mathrm{bar}: immerhin ≈630 N\approx 630\ \mathrm{N}.

Häufiges Missverständnis

Zwei Gespanne, die an beiden Seiten ziehen, verdoppeln die Belastung nicht: Nach dem Wechselwirkungsgesetz könnte eine Seite ebenso gut an einer Mauer befestigt sein. Guerickes symmetrischer Aufbau war Schaueffekt, keine physikalische Notwendigkeit.

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